Neue Grabstätten für Muslime benötigt

Zahl der Bestattungen wächst / 2016 wurden 300 Menschen nach islamischen Ritus beerdigt

  • Anna Kristina Bückmann
  • Lesedauer: 3 Min.

Wer einen Kompass bei sich trägt, wird es sofort bemerken. Ansonsten unterscheiden sich muslimische Grabstätten wie die am Columbiadamm im Bezirk Neukölln eigentlich wenig von gewöhnlichen Friedhöfen. Schwere Grabsteine ragen aus der Erde. Zwischendrin breiten sich Grünpflanzen aus. Und doch, für gläubige Moslems macht es den entscheidenden Unterschied: Muslimische Gräber zeigen gen Osten. Denn dort liegt Mekka, der zentrale Wallfahrtsort der Muslime - zumindest von Europa aus gesehen.

Laut dem Senat für Umwelt und Verkehr steigt die Zahl der muslimischen Bestattungen in der Hauptstadt jährlich. Gab es 2006 noch rund 170 Bestattungen, ließen sich 2016 über 300 Menschen auf Berlins muslimischen Friedhöfen beerdigen. Für die kommenden Jahre rechnen die Behörden damit, dass die Zahl weiter ansteigen wird. Dies liege zum einen an der Aufnahme von Flüchtlingen muslimischen Glaubens, so Senatssprecherin Dorothee Winden. »Insbesondere Mitbürger islamischen Glaubens, die von Geburt an hier leben, werden künftig zunehmend die letzte Ruhe in Berlin finden wollen.«

Doch dafür braucht die Hauptstadt Platz. Zwar gibt es bereits fünf muslimische Friedhöfe. Neben dem bekanntesten Friedhof der Sehitlik-Moschee am Columbiadamm haben die Bezirke Tempelhof-Schöneberg (Zwölf-Apostel-Friedhof), Charlottenburg-Wilmersdorf (Ruhleben) und Mitte (St. Thomas-Friedhof) muslimische Grabstätten. Doch laut dem Vorsitzenden der Sehitlik-Moschee, Süleyman Kücük, sind diese bereits voll. Nur der Landschaftsfriedhof Gatow in Spandau hat noch freie Gräber. Aufgrund seiner Lage am Stadtrand sei er jedoch keine Alternative. Die Nähe zum Wohnort der Familien sei wichtig.

Mehr Gräber will daher nun der wohl am stärksten muslimisch-geprägte Bezirk schaffen: Auf dem Lilienthalfriedhof in Neukölln sollen 1600 muslimische Gräber mit Ausrichtung nach Mekka entstehen. Nach Schätzungen leben in Neukölln rund 60 000 Menschen muslimischen Glaubens. Ein entsprechender Beschluss sei geplant, teilte das Bezirksamt, das für die Verwaltung der Friedhöfe zuständig ist, mit. Der Friedhofsentwicklungsplan müsse noch geändert werden, sonst seien die acht Friedhofsflächen »so gut wie bestattungsfertig«, sagte die Sprecherin des Bezirksamts, Susanne Wein. Mit einer Fertigstellung rechnet die Behörde noch im ersten Halbjahr 2018.

Die Bürgerplattform »WIN - Wir in Neukölln«, die sich seit langem für die Schaffung muslimischer Grabstätten einsetzt, sieht den neuen muslimischen Friedhof als »guten Schritt«. »Für mich ist es eine Selbstverständlichkeit, dass alle Religionen ihren Friedhof haben«, sagt Katja Neppert von der evangelischen Nikodemus-Gemeinde, die der Bürgerplattform angeschlossen ist.

Kücük ist angesichts der Pläne des Bezirks nach eigenen Worten »ein Stein vom Herzen gefallen«. Überführungen des Verstorbenen in die Heimat seien teuer. Bis zu 2000 Euro fallen demnach an. Und trotzdem: Laut dem Vorsitzenden lässt sich der Großteil der Muslime aus Berlin noch dort bestatten - vor allem die älteren Menschen. So zum Beispiel der 79-jährige Nasir. Vor über 50 Jahre kam er nach Berlin. Seine Ruhestätte soll jedoch in der Türkei sein. Dort, wo auch Mutter und Vater liegen. Andere Generation - selber Wunsch: Auch der 25 Jahre alte Ahmet möchte sich nicht in Deutschland begraben lassen. »Er fühle sich mit beiden Ländern verbunden«, seine Wurzeln habe er jedoch im Land am Bosporus, sagt er. dpa

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