Noch ein Schlag gegen Rentner?
Alle reden über die Rente mit 70. Sie vergessen die Lohnpolitik
Berlin. Nachdem Kanzlerin Angela Merkel am Sonntagabend im TV-Duell der Rente mit 70 eine Absage erteilte, hat sich der Streit um die Alterssicherung merkwürdig verschoben. Beinahe stündlich meldeten sich gestern Wirtschaftsforscher zu Wort und legten sich für die Rente mit 70 ins Zeug. In der CDU sind die Mehrheiten ohnehin klar verteilt: Wolfgang Schäuble, Günther Oettinger, Jens Spahn - sie alle wollen die Rente mit 70. So ist über Nacht eine Wahlkampfattrappe errichtet worden, die nun allenthalben attackiert wird. Das sei ein riesiger Erfolg für die Kommunikationsstrategie der Wirtschaftsliberalen, meint der Arbeitssoziologe Gerhard Bosch im Gespräch mit »nd«. Auch Albrecht Müller, Herausgeber des Onlinemediums Nachdenkseiten, kritisiert, dass die Diskussion über die Rente mit 70 vom drängenden Thema ablenkt. Nämlich von Niedriglöhnen und ihrer Folge: Altersarmut.
Indes hat der Paritätische Wohlfahrtsverband am Dienstag einen grundlegenden Wechsel in der Rentenpolitik gefordert. In einem Elf-Punkte-Programm legte der Verband ein Konzept vor, mit dem er die Rente sichern und die Altersarmut abwenden will. Eine erfolgreiche Gesamtstrategie müsse im Erwerbsleben ansetzen, sagte Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Gesamtverbands. Die Riester-Rente müsse abgeschafft und das Rentenniveau auf 53 Prozent angehoben werden. Der Mindestlohn gehöre deutlich erhöht.
Arbeitssoziologe Bosch will mehr. Er fordert flächendeckende Tarifbindung - wenn nötig per Dekret. »Ich sehe im Programm keiner Partei einen ernsthaften Vorschlag, wie man die Tarifbindung ausweiten will«, klagt er. Beim Thema Löhne habe selbst die Linkspartei resigniert. Sie habe Tarifverträge aufgegeben, weil die meisten ihrer Wähler im Niedriglohnsektor arbeiten. flh Seite 5
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