Vorreiter sollen die anderen sein
BVG-Chefin Sigrid Nikutta blickt mit deutlicher Skepsis auf Elektrobusse
Vorreiter bei Innovationen sollen die anderen sein. Diesen Eindruck von den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) musste man am Mittwochabend bei einem Vortrag der BVG-Chefin Sigrid Evelyn Nikutta gewinnen. Eigentlich war die Veranstaltung im Betriebshof Lichtenberg der traditionelle Fahrgastsprechtag des Berliner Fahrgastverbands IGEB, doch zunächst referierte Nikutta fast eineinhalb Stunden über die Erfolge der Vergangenheit und die anstehenden Aufgaben.
Eines wurde deutlich: Bei neuen Technologien neigt die BVG eher zur Vorsicht. »Heute könnte ich bei Bussen nicht sagen: Wir fahren elektrisch«, sagte Nikutta. Bei Elektrobussen fehle momentan einfach die Verlässlichkeit. Zumal ein Einsatz im größeren Stil letztlich den Bau neuer Betriebshöfe mit der entsprechenden Anbindung an das Stromnetz bedeutete. Die Verkehrsbetriebe haben jedoch Hersteller aufgefordert, entsprechende Fahrzeuge zur Erprobung kostenlos zur Verfügung zu stellen. »Die Resonanz ist allerdings verhalten. Es rennen uns nicht alle die Bude ein«, berichtete die BVG-Chefin. Allerdings wird in der Markterkundung vor allem auf eine möglichst große Kilometerleistung ohne Zwischenladung an Endhaltestellen gesetzt, was in der Folge auch möglichst große und somit teure und schwere Batterien voraussetzt.
»Doppelstrategie« nennt es Nikutta, beim Bus vor allem auf die Neubeschaffung von Dieselmodellen zu setzen. Sie will noch einige Jahre abwarten, bis Elektrobusse bei Beschaffungspreisen und Zuverlässigkeit mit dem klassischen Verbrennungsmotor mithalten können.
Skeptisch ist die BVG-Chefin auch bei fahrerlosen Bussen. »Bisher fahren die autonomen Linien meistens in völlig abgeschotteten Bereichen und sobald sich eine Person im Entferntesten nähert, wird gestoppt«, so Nikuttas Eindruck vom Stand der Technik. »Damit fahre ich keinen Meter durch Berlin.« Insofern hält sie die für 2018 angekündigten Tests mit autonomen Bussen auf den zwei Charité-Klinikstandorten Mitte und Benjamin Franklin für die richtige Wahl. Die BVG soll sie betreiben.
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LINKEN-Verkehrsexperte Harald Wolf hält Nikuttas abwartende Haltung in diesen Fällen für begründet. »Es ist einfach eine Abwägung, ob es wirklich sinnvoll ist, eine größere Investition zum jetzigen Zeitpunkt zu tätigen«, so Wolf.
Nicht nur bei vermeintlicher Zukunftstechnologie scheint Skepsis bei der BVG zu überwiegen. Selbst Vereinbarungen des rot-rot-grünen Koalitionsvertrags werden eher schleppend umgesetzt. Laut dem Papier sollte in den Hauptverkehrszeiten der reine Vordereinstieg beim Bus ausgesetzt und alle Türen freigegeben werden. Die Entscheidung liegt nun beim Busfahrer, ist also im vorhinein für die Fahrgäste nicht absehbar. »Wir können nicht generell den Einstieg an allen Türen freigeben, weil es genug Zeiten gibt, zu denen der Vordereinstieg problemlos möglich ist«, lautet die Begründung von Helmut Grätz, Leiter des BVG-Betriebsmanagements. »Ich halte den Einstieg auch an den hinteren Türen in der Hauptverkehrszeit nach wie vor für sinnvoll«, sagt Wolf.
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