Schifferstadt fürchtet Untergang

Zehn Jahre nach der Fusion streitet Dessau-Roßlau über den Stadtnamen

  • Hendrik Lasch, Dessau-Roßlau
  • Lesedauer: 4 Min.

In der Bundesrepublik gibt es Dutzende Kommunen, die nach der Fusion zweier Orte einen Doppelnamen tragen: Zella-Mehlis in Thüringen seit 1919, Annaberg-Buchholz im Erzgebirge seit 1949, das bayrische Garmisch-Partenkirchen, das sich anlässlich der Olympischen Spiele von 1936 gründete. Die Ortsnamen gehen in aller Regel auch Nicht-Einwohnern geläufig von der Zunge; Bestrebungen, sie zu kürzen und zu glätten, sind nicht bekannt.

Der Name Dessau-Roßlau tauchte erst 2007 auf Landkarten auf. Damals schlossen sich das nördlich der Elbe gelegene Roßlau, das wegen einer langen Tradition als Standort einer Werft »Schifferstadt« genannt wird, und das südlich des Flusses gelegene Dessau zusammen. Es war eine Fusion, die eher aus der Not erfolgte: Nur unter dieser Bedingung sah Sachsen-Anhalts Landesregierung davon ab, Dessau im Zuge einer Gebietsreform in einen Landkreis einzugliedern. Die Stadt hatte seit Ende der DDR wegen des Wegbruchs vieler Industriebetriebe 20 000 Einwohner eingebüßt. Unter Einschluss der 12 500 Roßlauer Bürger brachte man es immerhin wieder auf eine Einwohnerzahl von knapp 90 000 - Tendenz seither freilich: weiter kräftig sinkend.

Auch die drittgrößte Stadt Sachsen-Anhalts trägt seither einen Doppelnamen - der allerdings, wenn es nach Jan Paul geht, verschwinden soll. Der Unternehmer gehört zu den treibenden Kräften hinter einem Vorstoß für eine Namensänderung. Weil in Sachen wirtschaftliche Entwicklung »der Zug an uns vorbeigefahren ist«, müsse man verstärkt auf Tourismus setzen. Das gewichtigste Pfund dabei ist das Bauhaus, das laut einer Umfrage des Goethe-Instituts zur Bekanntheit deutscher Bauwerke bundesweit auf Platz 7 rangiere - noch vor der Dresdner Frauenkirche. Paul und seine Mitstreiter im Wirtschafts- und Industrieklub Anhalt setzen daher auf den Namen »Bauhausstadt Dessau«. Man wolle den Roßlauern »nichts Böses«, betont der Landschaftsgärtner: »Aber wir müssen nach jedem Strohhalm greifen.«

Die Bürgerschaft ist hin- und hergerissen. Einerseits hat der Stadtrat genau diese Namensänderung bereits im Rahmen eines »Masterplans Bauhaus« von 2012 beschlossen. Andererseits sorgt die Idee für viel böses Blut in einer Stadt, die bisher ohnehin weniger zusammengewachsen ist als erhofft. »Ich dachte damals, wir machen etwas Großes«, sagt Hans-Joachim Mau vom Wirtschaftskreis Roßlau: »Aber es werden immer noch Keile dazwischen getrieben.« Die Streichung von Roßlau aus dem Stadtnamen wird als gewaltiger Keil gesehen. Es gehe um »Vertragstreue und Verlässlichkeit«, sagt Christa Müller, die Ortsbürgermeisterin - also um »ein hohes moralisches Gut, das uns bisher veranlasst, an der Fusion festzuhalten«.

Der Stadtrat ringt seit Monaten mit dem Problem. Zunächst erwog man einen Bürgerentscheid. Das Ergebnis wäre freilich bindend gewesen, und es hätte die Gefahr bestanden, dass die Minderheit in Roßlau von den zahlreicheren Dessauern überstimmt wird. Nun will der Stadtrat Anfang Dezember entscheiden, ob es eine Bürgerbefragung gibt, die unverbindlicher ist - und es erlaubte, auch die Ergebnisse in den einzelnen Wahlbezirken zu berücksichtigen. Danach könnte die Namensänderung bei der Kommunalaufsicht beantragt werden, die laut Gesetz das letzte Wort hat.

Bei einer Bürgerversammlung diese Woche in Roßlau deutete freilich wenig darauf hin, dass die Pläne in dem Ortsteil mehrheitsfähig sind. Ein Großteil der zahlreich erschienenen Bürger lauschte mit verschränkten Armen und düsteren Mienen den Argumenten der Stadträte; Plakate forderten: »Hände weg vom Stadtnamen!« LINKE-Stadtrat Ralf Schönemann, ein eifriger Befürworter eines neuen Namens, pries das Bauhaus als »einzigartige Idee, die unsere Stadt weltbekannt gemacht hat«. Hans-Georg Otto, der als Oberbürgermeister einst die Verträge zur Fusion ausgehandelt hat, sagte, beim Namen »Bauhausstadt Dessau« müssten auch die Bürger des größeren Stadtteils »über Hürden springen«. Mehr Bekanntheit könne der Stadt sicher nicht schaden. Allerdings könne er »mit beiden Namen leben«.

Sein Nach-Nachfolger Peter Kuras hält sich als Amtsträger mit einem Urteil zurück. Befragt nach seiner privaten Meinung, stimmt er zu, dass Dessau einen wirtschaftlichen Schub brauche und mehr mit dem Bauhaus werben müsse: »Die Frage ist aber, ob man dafür den amtlichen Namen ändern muss.« Als Verwaltungschef verweist er zudem auf Bedenken in der Landesregierung. Dort fürchtet man, dass Dessau-Roßlau das gesamte, sorgfältig gezimmerte Konstrukt der Kreisgebietsreform ins Rutschen bringt. CDU-Ministerpräsident Reiner Haseloff, sagt Kuras, habe bereits eindrücklich darauf hingewiesen, dass die Fusion »die Geschäftsgrundlage für unsere Kreisfreiheit« sei. Und deren Verlust, so scheint es, fürchten die Dessau-Roßlauer noch immer mehr als den Doppelnamen.

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