- Aus dem Netz gefischt
- Attila Hildmann
Der Mc Hildmann
Wie ein veganer Koch eine negative Restaurantkritik für eine PR-Kampagne nutzte
Restaurantkritiker haben keinen einfachen Job. Worin die Schwierigkeit besteht, illustriert eine Episode der US-Zeichentrickserie »Die Simpsons«. Familienvater Homers Leidenschaft für Essen beschert ihm einen Job als Kritiker beim örtlichen Lokalblatt. Sein Problem: Offenbar ist sein Gaumen dermaßen leicht zu überzeugen, dass er zunächst mithilfe seiner Tochter über sämtliche Restaurants und Imbisse in Springfield positive Rezensionen verfasst. Nachdem ihn seine Pressekollegen ermahnen, dass er auch negative Kritik äußern müsse, schreibt Homer fortan nur noch Totalverrisse. In der Folge plant Springfields versammelte Chefkochriege einen Mordanschlag, um den unliebsamen Kritiker loszuwerden.
Ob Attila Hildmann diese Episode kennt? Eine vom veganen Starkoch klug eingefädelte PR-Kampagne erinnert zumindest stark daran. In die Rolle des Homer schlüpfte in diesem Fall »Tagesspiegel«-Autorin Susanne Kippenberger. Vergangene Woche widmete sich die Journalistin in der Artikelserie »Berliner Imbisse im Test« Hildmanns Snackbar im Stadtteil Charlottenburg. Wer die Restaurantkritik aufmerksam liest, muss den Eindruck gewinnen, Kippenberger sei schon mit dem Vorsatz in das Bistro gekommen, es diesen Pflanzenessern zu zeigen. Ob das nussige Softeis etwa schmeckt, erfährt der Leser nicht, dafür aber den unterschwelligen Vorwurf, dass die vegane Küche doch nicht ohne den bösen Chemiebaukasten auskommen kann.
In Hildmann jedenfalls fand sie einen Unternehmer, der solch einen Verriss nicht auf sich sitzen lassen konnte. Sei es, weil der Koch für sein mächtiges Ego bekannt ist oder weil er in der Kritik einfach die perfekte Steilvorlage für Werbung nach dem Grundsatz »Auch schlechte PR ist gute PR« sah. Jedenfalls ließ sich Hildmann via Facebook über seine Kritikerin aus, erteilte dem Tagesspiegel Hausverbot, dem er für diesen »Kackartikel« vor das Verlagsgebäude kotzen könnte. Nachdem sich Tagesspiegel-Chefreakteur Lorenz Maroldt seinerseits in seinem täglichen Newsletter noch einmal am Verriss des Verrisses abgearbeitet hatte, stiegen spätestens jetzt bundesweit fast alle großen Medienportale in die Berichterstattung ein. Fieser Veganer disst Journalistin! Diesem wahrhaft unsympathischen Vertreter der Pflanzenesserfraktion zeigen wir es!
Hildmann indes drehte die PR-Spirale genüsslich weiter und lud Journalisten am vergangenen Mittwoch zum Testessen. Mit einer schnöden Pressemitteilung gab sich der selbsterklärte »Veganator« nicht zufrieden, seine Einladung erfolgte auch via Facebook. Sein Eintrag zierte ein Foto, das neben mehreren Bildern von Burgern auch Hildmann mit einer Pumpgun im Anschlag zeigte. Dazu der vielsagende Hinweis: »Keiner der Journalisten braucht Bodyguards mitnehmen.« Und was passierte? Die geladene Hauptstadtpresse von FAZ bis »Stern« traf sich zum gemeinsamen Snack oder arbeitete sich zumindest aus der Ferne am Ego dieses »Wut-Veganers« (stern.de) ab. Fast 30 Journalisten waren vor Ort, schlecht schmeckte es laut einhelliger Berichte keinem der anwesenden Pressevertreter. Genau dieses Medienecho wollte Hildmann haben.
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.