Spannungen in Kosovo

Albanische Barrikaden stoppen Serbiens Präsidenten

  • Thomas Roser, Belgrad
  • Lesedauer: 2 Min.

Kosovo kommt nicht zur Ruhe. Am Sonntagvormittag blockierten mehrere hundert aufgebrachte Demonstranten mit Baggern, Lkw’s und in Brand gesteckten Barrikaden alle Zufahrtsstraßen zu dem serbisch besiedelten Dorf Banje, das der serbische Präsident Aleksandar Vucic besuchen wollte. »Vucic kommt hier nicht durch« oder »Entschuldige Dich für die Kriegsverbrechen« stand auf Protestbannern.

In seiner mit Spannung erwarteten Rede im serbischen Norden der geteilten Kosovo-Metropole Mitrovica erklärte Serbiens Staatschef, dass die ihm unterstellte Absicht einer Anerkennung der Unabhängigkeit der Ex-Provinz eine »notorische Lüge« sei. Konkrete Lösungsvorschläge nannte Vucic nicht. Eine Kompromisslösung für das von der EU geforderte Nachbarschaftsabkommen sei »nicht in Sicht«, so Vucic, der seinem Ruf als Politchamäleon auch bei seinem Gastspiel in der Ex-Provinz gerecht wurde. Einerseits pries er den verstorbenen Ex-Autokraten Slobodan Milosevic als »großen serbischen Führer«. Andererseits beteuerte er noch einmal seinen Willen zu einem Ausgleich mit den Kosovo-Albanern. Obwohl eine Einigung »fast unmöglich« sei, werde sich Belgrad weiter darum bemühen: »Denn alles andere führt uns in die Katastrophe«.

Belastet hatte die Kosovo-Reise auch Vucics kurzfristige Absage des für Freitag in Brüssel geplanten Treffens mit seinem kosovarischen Amtskollegen Hashim Thaci. Belgrad begründete den Affront mit der Weigerung Pristinas, eine Genehmigung für den Vucic-Besuch des auch von Serbien beanspruchten Stausees Gazivod zu erteilen. Dass Kosovos Regierung auf Druck der EU und der USA den präsidialen See-Abstecher doch noch zu genehmigen hatte, wurde von der Belgrader Regierungspresse als »großer diplomatischer Sieg« Serbiens gefeiert. Die in Pristina erscheinende Zeitung »Zeri« sprach hingegen davon, dass Vucic Thaci »an einem Tag zwei Mal erniedrigt« habe.

Sicher scheint, dass die Dialogbemühungen der EU am Wochenende einen herben Rückschlag erlitten haben. Während Auslandsdiplomaten die von Belgrad sehr rüde begründete Absage des Treffens mit Thaci als »Theateraufführung für die heimische Öffentlichkeit« bewerteten, übte Serbiens unabhängige Presse an der von Vucic »perfekt inszenierten TV-Reality-Show« seines Kosovo-Besuchs auch Kritik. Der Zirkus, den die heimischen Würdenträger bei jeder Reise in den Kosovo zur Erhöhung des eigenen Ratings veranstalteten, verschlechtere nur die Situation der dort lebenden Serben, zog der Kommentar der Zeitung »Danas« am Montag ein tristes Fazit. »Solange Vucic und seine politische Garnitur in Serbien an der Macht sein werden, wird es weder zu einer Normalisierung der Beziehungen mit den Kosovo-Albanern noch zu Stablität und Sicherheit in der ganzen Region kommen.«

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