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In Streifen

Banksy narrt den Kunstmarkt mit selbstzerstörendem Werk - doch ging das wirklich ohne die Hilfe des Auktionshauses Sotheby's?

  • Christoph Meyer
  • Lesedauer: 4 Min.

London. Ein Bild des Street-Art-Künstlers Banksy hat sich kurz nach seiner Versteigerung in London selbst zerstört. Kaum war das Werk am Freitag für umgerechnet knapp 1,2 Millionen Euro verkauft worden, lief es vor staunenden Betrachtern durch einen Schredder, der im Rahmen verborgen war. Übrig blieb nur der obere Teil des Bilds, der Rest hing in Streifen herunter.

Banksy, dessen wahre Identität unbekannt ist, teilte zuerst ein Foto dieser Szene per Foto-Plattform Instagram und versah es mit dem Kommentar «going, going, gone» - «zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten». Ein Wortspiel, denn wörtlich bedeutet «gone» eigentlich «gegangen» oder einfach «fort». Später postete der Künstler ein Video, auf dem zu sehen ist, wie eine vermummte Person Teile eines Schredders in einen Bilderrahmen setzt. «Vor ein paar Jahren baute ich heimlich einen Schredder in ein Gemälde», heißt es in einem eingeblendeten Text. «Falls es jemals versteigert werden sollte», ergänzt ein zweiter.

Dann folgen Szenen aus dem Auktionshaus Sotheby's. Das Bild «Girl with a Balloon» von Banksy steht zum Verkauf. Sobald der Hammer fällt, kommen aus dem dicken, verschnörkelten Goldrahmen Piepsgeräusche und das Bild rauscht durch den unteren Teil des Rahmens - und kommt in Streifen wieder heraus. Die umstehenden Besucher und Mitarbeiter können kaum glauben, was sie gerade gesehen haben. Den Beitrag kommentiert Banksy mit einem angeblichen Picasso-Zitat: «Der Drang zu zerstören, ist auch ein kreativer Drang.»

Bei dem geschredderten Bild handelt es sich um eines der berühmtesten Banksy-Motive, ein Mädchen, das den Arm nach einem davonfliegenden Luftballon in Herzform ausstreckt. Das Motiv erschien zuerst als Wandgemälde in London. Das nun zerstörte Bild, auf Leinwand gesprüht, stammt aus dem Jahr 2006.

Das Auktionshaus bezeichnete den Vorfall als «unerwartet». Doch es gibt Zweifel an dieser Darstellung. Kann das wirklich alles ohne das Zutun der Sotheby's-Mitarbeiter geschehen sein? War es reiner Zufall, dass das Bild als letztes Los verkauft wurde und einen sehr ähnlichen Preis erzielte wie der bisherige Rekord eines Banksy-Werks im Jahr 2008? Das Fachblatt «The Art Newspaper» hält es nicht für ausgeschlossen, dass Sotheby's-Mitarbeiter ihre Finger im Spiel hatten.

In einer Mitteilung zeigte sich Sotheby's beinahe amüsiert. «Es sieht so aus, als seien wir gerade gebanksyd worden», sagte Alex Branczik, Leiter der Abteilung für zeitgenössische Kunst in Europa bei Sotheby's. Mit der Aktion sei Geschichte geschrieben worden. Es sei das erste Mal, «dass sich ein Kunstwerk automatisch selbst geschreddert hat, nachdem es unter den Hammer gekommen ist». Der «Financial Times» sagte er, Sotheby's sei im Gespräch mit dem überraschten Käufer, der sein Gebot per Telefon abgegeben hatte. Sollte es ihn tatsächlich geben, könnte er möglicherweise sogar erfreut sein: Medien spekulierten, der Wert des Werks könnte sich durch die Aktion erheblich erhöht haben. Eine Sicht, die Sotheby's-Experte Branczik teilt. «Man könnte argumentieren, dass das Werk jetzt einen höheren Wert hat, sagte er »The Art Newspaper« zufolge. Das Schreddern sei nun integraler Teil des Kunstwerks.

Eine weitere Frage beschäftigte am Wochenende die Medien. War Banksy möglicherweise selbst vor Ort und drückte den Auslöser? Unter den Gästen der Auktion machten angeblich Gerüchte über einen mysteriösen Mann mit Sonnenbrille und Hut die Runde, der kurz nach dem Vorfall in eine Rangelei mit Sicherheitskräften verwickelt gewesen sein soll.

Banksy ist der prominenteste Graffiti-Künstler der Welt, seine Werke prangen in vielen Ländern an Wänden und Mauern. Der aus Bristol stammende Künstler ist bekannt für seine gesellschaftskritischen Werke. Im Jahr 2015 machte er Furore mit einer Installation mit dem Titel »Dismaland«, einem gruseligen Anti-Freizeitpark an der englischen Küste. Vergangenes Jahr eröffnete er in Betlehem ein Hotel, das mit der »schlechtesten Aussicht der Welt« wirbt - dem Blick auf die Trennmauer zwischen Israel und dem Westjordanland. Ein Werk Banksys zeigt Menschen bei einer Kunstauktion, versteigert werden die gerahmten Worte: »Ich kann nicht glauben, dass ihr Idioten diesen Mist tatsächlich kauft.« Auch dieses Werk kam bei Sotheby's unter den Hammer.

Banksy ist für seine Abneigung gegenüber einer Kommerzialisierung seiner Kunst bekannt. Ungeachtet dessen erzielen seine Werke bei Auktionen schwindelerregende Summen. Den auf Streetart spezialisierten Pariser Galeristen Mehdi Ben Cheikh erinnert Banksys jüngster Streich an eine Aktion vor fünf Jahren in New York, mit der der Künstler schon einmal den Kunstmarkt verspottete. An einem Stand in der Nähe des Central Park wurden damals rund 20 »signierte und authentische« Banksy-Bilder verkauft - für 60 Dollar das Stück. dpa/nd

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