- Politik
- 3. Jahrestag des Anschlags in Ankara
Die Wut der Überlebenden
102 Menschen starben vor drei Jahren bei einem Anschlag auf eine Demonstration in Ankara
Wenn Sencer Eren an den 10. Oktober 2015 denkt, hat er oft das trügerische Gefühl, das Massaker gar nicht miterlebt zu haben. Ganz so, als wenn nicht er selbst, sondern jemand anders nur 100 Meter von dem Ort am Bahnhof der türkischen Hauptstadt Ankara entfernt gestanden habe, an dem einer der beiden Selbstmordattentäter sich genau um 10.04 Uhr Ortszeit in die Luft sprengte; kurz danach zündete der andere.
Mehrere Stunden bevor dieser verheerendste Terroranschlag in der Geschichte der Türkei mehr als 100 Menschen in den Tod riss und Hunderte verletzte, hatten sich Eren und seine Mitstreiter von der türkischen Lehrergewerkschaft sowie anderen Berufsvereinigungen von Adapazarı im Westen des Landes munter singend auf den Weg nach Ankara gemacht, um dort mit vielen anderen Menschen aus der ganzen Türkei für Frieden zu demonstrieren.
Zu der Kundgebung unter dem Motto »Arbeit, Frieden und Demokratie« hatte damals eine Friedensinitiative aufgerufen, die von Politikern der Linkspartei »Demokratische Partei der Völker« (HDP) und der »Republikanischen Volkspartei« (CHP), von Gewerkschaftern, Stiftungen, Berufsvereinigungen und anderen gegründete worden war. Das Bündnis wandte sich gegen ein damals noch potenzielles militärisches Eingreifen der Türkei in den Syrien-Krieg. Es war die Zeit zwischen den Parlamentswahlen vom Juni und November 2015. Bei den Juniwahlen hatte die HDP zum ersten Mal die Zehn-Prozent-Hürde genommen.
Drei Jahre später richtet sich die Wut der Überlebenden von Ankara gegen die Behörden, die das Blutbad trotz Hinweisen nicht verhindern konnten. Einen kleinen Teilerfolg - angesichts des Leids wohl eher ein Trostpflästerchen - konnte die Familie des getöteten Mesut Mat nach einer Klage vergangene Woche erringen. Ein Gericht in Ankara verurteilte das Innenministerium und den Bürgermeister der Stadt zu Schadenersatz von 400 000 Lira wegen unzureichender Schutzvorkehrungen. Laut Medienberichten wurden im Sommer zudem gegen neun Mittäter des Anschlags vom 10. Oktober lebenslängliche Haftstrafen verhängt, andere mutmaßliche Täter sind weiter auf der Flucht.
Vermutungen, dass die Behörden Hinweisen auf den geplanten Terroranschlag nicht nachgegangen waren, gab es schon bald nach dem 10. Oktober 2015. Einer der Selbstmordattentäter war, wie sich schnell herausstellte, Anhänger des »Islamischen Staates« (IS). Yunus Emre Alagöz war Mitglied einer IS-Zelle aus Adıyaman im Süden. Drei Monate zuvor hatte sein jüngerer Bruder Seyh Abdurrahman Alagöz bei einem Selbstmordattentat in der Grenzstadt Suruç 34 junge Aktivisten mit in den Tod gerissen. Über den zweiten Täter vom 10. Oktober ist bisher nur bekannt, dass er syrischer Herkunft war. Der IS hat sich bis heute nicht zum Anschlag in Ankara bekannt.
Die in Deutschland lebende exillierte HDP-Abgeordnete Sibel Yiğitalp (HDP) glaubt, dass der Anschlag in Suruç sowie ein weiteres Attentat vom 5. Juni 2015 gegen eine HDP-Wahlveranstaltung in Diyarbakır mit fünf Toten und mehr als 400 Verletzten Vorboten des Angriffes auf die Friedensdemonstration in Ankara waren. »Alle drei Täter einer IS-Zelle in Adıyaman waren den Sicherheitsbehörden bekannt«, sagt sie. Orhan Gönder, der Täter von Diyarbakır, war sogar festgenommen worden. Angehörige hatten Medienberichten zufolge alle drei Täter bereits vor den Taten angezeigt, weil sie von deren Aktivitäten beim IS mitbekommen hatten. »Hätten die Behörden hinreichende Maßnahmen gegen das Terrornetzwerk ergriffen, hätten wir den 10. Oktober nicht erlebt«, so Yiğitalp.
Auch die linke Tageszeitung »Evrensel« berichtete 2016 von Hinweisen an die Behörden im Vorfeld des Anschlags. Der Kopf des türkischen IS-Netzwerks und Planer der Anschläge von Ankara, Suruç und Diyarbakır war laut eines Berichts der Boulevardzeitung »Hürriyet« Yunus Durmaz, bekannt auch unter dem Spitznamen »der IS-Emir von Gaziantep«. Durmaz sprengte sich im Mai 2016 in Gaziantep vorauseilend selbst in die Luft, nachdem er von einer kommenden Polizeirazzia mitbekam.
Wie viele andere Überlebende hat auch Sencer Eren, der heute in Berlin lebt, drei Jahre später noch offene Fragen. »Normalerweise stehen Polizisten an Versammlungspunkten und kontrollieren die Demonstrierenden. Mir fiel später auf, dass die Polizei am Hauptbahnhof völlig fehlte«, sagt er. Nachdem Panik unter den Aktivisten und Verletzten ausgebrochen war, tauchte die Polizei von Ankara dann doch noch auf und setzte zum Entsetzen der Demonstranten Tränengas ein. Damit nicht genug: Viele Überlebende beklagen, dass die Polizei die Demonstranten und Rettungsdienste daran gehindert habe, die Verletzten schnellstmöglich zu versorgen. Der damalige Innenminister verteidigte die Polizei. Diese habe den eigentlichen Ort der Demo, den Sihhiye-Platz ausreichend abgesichert. Die HDP-Abgeordnete Sibel Yiğitalp glaubt indes, dass die Behörden hier nach zweierlei Maß handelten: Während sie die Aktivitäten des IS nicht konsequent genug verfolgten, gingen sie mit harter Hand gegen die Überlebenden vor.
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