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Papatologie
Velten Schäfer übt sich im Deuten des katholischen Kremls
Ältere kennen noch den Ausdruck »Kreml-Astrologie« oder kurz »Kremlologie«. Er beschrieb den bis 1989 populären Sport, aus den Erklärungen und Nicht-Erklärungen, aus Gesten, Worten, Ritualen und dergleichen, die sich rund ums Moskauer Politbüro registrieren oder eben nicht registrieren ließen, darauf zu schließen, was dieses Büro im Schilde führe - oder was »in Wirklichkeit hinter« einer scheinbar eindeutigen Erklärung, Handlung und so weiter stehe.
Dieses weltpolitische Sterndeutungswesen hatte zwar einen ernsten Gegenstand, war aber auch höchst unterhaltsam. Konnten sich doch Spitzfindigkeit und Fantasie der »Beobachter« entfalten, ohne dass jemand ernsthaft ein Eintreffen von derlei Prognosen erwartete. Sehr schade war es daher, dass diese Disziplin mit dem vorläufigen Sieg jener parlamentarischen Bürokratie zunächst abgeschafft schien, die zwar gleichfalls viel leere Rhetorik hervorbringt, aber dabei so amüsant ist wie eine Karnevalssitzung in Berlin. Und um so erfreulicher ist es, dass das nun einzig verbliebene Gremium wunderlicher älterer Machthaber diese Tradition neu aufleben lässt.
Die Rede ist vom Hof des Jorge Mario Bergoglio, besser bekannt als Papst Franziskus. Denn dort wird offenkundig zwischen dem Wecken diffuser Erwartungen, lyrischen Formulierungen und nebulösen Ereignissen die Kunst des Rätselaufgebens nicht minder perfektioniert als einst im Politbüro. So gerät aktuell die Exegese des Kassibers »Geliebtes Amazonien« zur Leistungsschau einer neuen Generation politischer Wahrsager: Was heißt es denn nun, dass da nicht drinsteht, was die Amazonassynode zur Weihefähigkeit von »viri probati« beschlossen hat? Ist das, eins zu eins, die Zementierung des Zölibats?
So platt sehen es die Papatologen beim »Spiegel«, die aber womöglich etwas aus der Übung geraten sind seit den Kremltagen. Denn gibt es nicht zu denken, dass jenem Schreiben die plötzliche Verbannung des Benedikt-Kofferträgers Gänswein aus dem Apostolischen Palast unmittelbar vorausging? Dass dieser wiederum kurz zuvor ein ratzingermäßiges Traktat zur Verdammung jeder Andeutung einer Zölibataufweichungstendenz publiziert haben soll, das freilich niemand gelesen hat? Ist die Nichterwähnung einer potenziellen Eucharistiebefähigung Verheirateter in diesem Licht nicht eher eine Nicht-Verneinung? Ein Nicht-Ausdrücklich- oder Noch-nicht-Drinstehen, also ein Offenhalten des Themas?
In etwa das, wenn auch ohne Gänswein, versteht immerhin Kardinal Marx. Dessen Lesart verdient aufgrund seiner Zwitterposition eines teilnehmenden Beobachters fraglos besondere Beachtung - und ist ihrerseits höchst deutungswürdig: Ist es nicht seltsam, dass dieser »Reformer« wiederum synchron zum Papstbrief überraschend seinen Rückzug als deutscher Chefkatholik ankündigt? Dass er gerade jetzt, wie man liest, so frei reden kann wie nie? Ist er ein Sprachrohr? Was läuft da wirklich? Herrscht schon ein Machtkampf und wo liegt die Front?
Man muss wohl nach 1980 geboren sein, um den Reiz solcher Mutmaßungen nicht zu verspüren. Um nicht empfänglich zu sein für die systemübergreifende Schönheit verwinkelter Dogmatik, distinguierter Spitzfindigkeit, undurchschaubarer Handlungsketten sowie virtuosen Verbalmikados. Wer aber kann, der genieße jetzt. In vollen Zügen. Denn die Geschichte der Kremlologie lehrt auch ein anderes: Am interessantesten war es ganz kurz vor dem Untergang.
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