• Politik
  • Aristides de Sousa Mendes

Heute ein Held

Ein Portugiese rettete 1940 in Frankreich Tausende Leben - per Stempelkissen

  • Yannic Walther
  • Lesedauer: 3 Min.

Als Frankreich am 16. Juni 1940 kapituliert, ist Portugals Konsul in Bordeaux nicht mehr zu bremsen. Wie am Fließband stellt Aristides de Sousa Mendes Visa für Emigranten im unbesetzten Landesteil aus. Noch vom Autositz aus soll er den Stempel vergeben haben, der über Leben und Tod entscheiden konnte.

Für viele Juden und Gegner des Naziregimes ist Portugal damals der letzte Ausweg. Kaum ein Land will noch Flüchtlinge aufnehmen. Auch Portugals Diktator António de Oliveira Salazar hatte die Visumsvergabe an Juden und Staatenlose bereits im Vorjahr verboten. Doch Sousa Mendes widersetzt sich dem und rettet so vielen das Leben. Die Schätzungen reichen bis zu 30 000 Visa. Allein vom 15. bis 22. Juni 1940 stempelte er laut der Gedenkstätte Yad Vashem, die ihn als »Gerechten unter den Völkern« führt, 1575 Pässe.

»Heute ist Aristides de Sousa Mendes ein Held in Portugal«, sagt sein Enkel. António Sousa Mendes erklärt aber auch, dass es bis dahin ein weiter Weg war. Die Geschichte seines Großvaters kannten lange Zeit nur wenige. Das liegt auch am noch immer schwierigen Umgang Portugals mit seiner Rolle im Zweiten Weltkrieg.

Diktator Salazar hielt sein Land aus dem Krieg heraus. Portugal pflegte wirtschaftliche Beziehungen sowohl zu den Alliierten als auch zum Naziregime. Jüdische Flüchtlinge sollten nicht einreisen, auch um keinen Zweifel an der Neutralität des Landes aufkommen zu lassen. »Nach dem Krieg hat Salazar die Rolle Portugals dann schöngefärbt«, sagt die Historikerin Cláudia Ninhos, die sich an der Lissabonner Universität Nova mit Portugals Verhältnis zum Holocaust beschäftigt. »Das erschaffene Selbstbild von einem Land, das Juden rettete, blieb Jahrzehnte unhinterfragt.« So wie der rettende Ungehorsam des am noch im Juni 1940 unehrenhaft aus dem Diplomatendienst entlassenen Sousa Mendes lange nur in verstaubten Akten dokumentiert war.

Das Bild von Portugal als friedlichem Retter bestehe trotz seiner realen Abschottung zuweilen bis heute, erklärt Ninhos. Sinnbildlich für den schwierigen Umgang Portugals mit seiner Vergangenheit steht eine Umfrage von 2007, die nach der bedeutendsten Person der Landesgeschichte suchte. Zwar erhielt Sousa Mendes, auf den dabei zum ersten Mal eine breitere Öffentlichkeit aufmerksam wurde, die drittmeisten Stimmen. Doch Platz eins ging an den 1970 verstorbenen Salazar.

»Zur Zeit der Umfrage sahen viele den Gehorsam gegenüber Salazar noch als Tugend«, kommentiert Sousa Mendes’ Enkel. Historikerin Ninhos erklärt das auch mit einer dauerhaften Dankbarkeit dafür, das Land immerhin aus dem Krieg herausgehalten zu haben.

Dass aber der Ungehorsam des Konsuls heute geehrt wird, ist laut seinem Enkel jüdischen Organisationen in den USA zu verdanken. Das Salazar-Regime stürzt 1974, zwanzig Jahre nachdem der in Ungnade gefallene Sousa Mendes in Armut verstirbt. In den 80ern wird der demokratische Präsident Mário Soares in die USA eingeladen, wo er sich bei Sousa Mendes Familie entschuldigt. 1988 rehabilitiert das Parlament den Konsul posthum.

Auch wenn manche rechten Politiker wie kürzlich Abel Matos Santos von Sousa Mendes als »Juden-Wucherer« sprechen, gilt der Mann mit dem Stempelkissen in Portugal heute als Vorbild. Das machte das portugiesische Parlament erst jüngst deutlich, als es ihm einstimmig die höchsten Ehren des Landes verlieh. Die unabhängige Abgeordnete Joacine Katar Moreira, auf die die Initiative dafür zurückgeht, würdigt ihn mit den Worten: »Manchmal ist Ungehorsam ein Akt absoluten Mitgefühls für einen anderen Menschen.«

Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.

Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.

Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.

Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!

Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:


→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.

Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.