KZ-Stadt hat nichts begriffen

Andreas Fritsche zur Entschlüssen in der Stadt Oranienburg

  • Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 2 Min.

Es sollte als Zeichen verstanden werden, dass die Stadt Oranienburg aus ihrer Geschichte gelernt hat. Aber anscheinend hat es die Kommunalpolitik doch nicht begriffen. Die Stadtverordneten entschieden am Montagabend, eine Städtepartnerschaft mit dem israelischen Kfar Jona einzugehen. Doch wie wird es dort und wie in Norwegen, Russland, Luxemburg und anderen Staaten aufgenommen werden, was das Stadtparlament an diesem Abend auch noch entschied - jeweils gegen den ausdrücklichen Rat der Gedenkstätte Sachsenhausen und des Internationalen Lagerkomitees? Es ging um die Benennung von Straßen und die Zufahrt zur Gedenkstätte.

In der Nazizeit gab es in der Stadt am Nordrand von Berlin erst das Konzentrationslager Oranienburg und später das KZ Sachsenhausen. Dort sind Hunderttausende Häftlinge gequält und Zehntausende ermordet worden. Unweit des KZ Sachsenhausen befand sich das Außenkommando Zeppelin, in dem bis zu 700 Häftlinge für die Rüstungsindustrie schuften mussten. Hier entsteht ein neues Wohngebiet.

Doch das Stadtparlament lehnte es ab, alle acht Straßen nach ehemaligen Häftlingen zu benennen, und hielt stattdessen stur an sechs der acht eigenen Vorschläge fest. So wird es nun eine Gisela-Gneist-Straße geben. Gneist saß als junges Mädchen im sowjetischen Speziallager ein, das nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem KZ-Gelände eingerichtet wurde. Sie soll die hohe Zahl der Todesopfer im KZ bezweifelt und die einzigartigen Naziverbrechen mit den Geschehnissen im Speziallager gleichgesetzt haben. Ob dies nun stimmt oder nicht: Das Stadtparlament ließ die nötige Sensibilität vermissen. Das wird international für Aufregung sorgen. Nicht aus Angst vor den Reaktionen hätte sich die Kommunalpolitik noch besinnen sollen. Sie hätte einsehen müssen, welche historische Verantwortung sie trägt. Das hat sie leider nicht begriffen.

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