Total in der Defensive

Französischer Energiekonzern zieht wegen militärischen Konflikts in Mosambik Mitarbeiter ab

  • Andreas Bohne
  • Lesedauer: 3 Min.

»Mosambiks Streitkräfte gewinnen stolz Schlachten, verlieren aber an Boden.« Die Einschätzung des Mosambik-Experten Joe Hanlon bringt die Lage im Norden des Landes auf den Punkt. Hanlon bezog sich auf eine Aussage von Präsident Filipe Nyusi, der noch im Dezember mit Stolz von Soldaten sprach, die Angriffe zurückgeschlagen hätten.

Die Attacken radikal-islamischer Aufständischer in der nordmosambikanischen Provinz Cabo Delgado nehmen kontinuierlich zu. Zu Beginn des Jahres attackierten sie das im Aufbau befindliche Projekt zur Verflüssigung von Erdgas des französischen Unternehmens Total. Damit wird nicht nur die zunehmende Eskalation und das Abgleiten in den Bürgerkrieg mehr als deutlich, sondern auch das trügerische Bild, welches Nyusi zeichnet. Auch wenn mosambikanische Sicherheitskräfte den Angriff nochmals abwehren konnten, die Raumgewinne und das Selbstbewusstsein der Aufständischen, jetzt prestigeträchtige Orte anzugreifen, sind offensichtlich.

Eine wesentliche Ursache des Konfliktes sind die enormen Gasvorkommen, die Anfang der 2010er Jahre vor der mosambikanischen Küste entdeckt wurden. Seit 2017, zeitgleich mit dem Beginn der terroristischen Attacken, wird deren Ausbeutung von Konsortien vorbereitet. Mit von der Partie sind die großen Ölkonzerne Total (Frankreich), ENI (Italien) und ExxonMobile (USA). Für die Verflüssigung des Gases zum Transport wurde eine Sonderzone eingerichtet und eine Landkonzession über gut 6600 Hektar ausgestellt. Zwei Drittel davon, durch einen Grenzzaun abgeschirmt, umfasst die eigentliche Industriezone, in welcher die Gasverflüssigungsanlagen gebaut werden sollen.

Wegen der Sicherheitssituation in der Provinz Cabo Delgado und in dem Distrikt Palma habe man beschlossen, die Zahl des anwesenden Personals in dem Projekt zu reduzieren, teilte Total mit. Die Mehrheit seiner 3000 Angestellten wurde von Total bereits evakuiert. Und das Unternehmen gab den vorläufigen Stopp aller Baumaßnahmen bekannt. Das wirft zwei Aspekte auf: Total traut den Sicherheitsbehörden nicht mehr zu, den Schutz seiner Angestellten sicherzustellen. Auch die Regierung scheint daran zu zweifeln. Sie verbot jeglichen Schiffverkehr vor der Küste. Beides wiederum verunsichert die investierenden Unternehmen. ExxonMobil, das ebenfalls eine Gasverflüssigungsanlage in dem Gebiet plant, hat seine endgültige Investitionsentscheidung wiederholt verschoben.

Wirtschaftsfreundliche Kommentatoren sehen in dem Konflikt lediglich eine dramatische Bedrohung für Afrikas gegenwärtig größtes privates Investitionsprojekt. Deutlicher können die komplexen Konfliktursachen nicht negiert werden. Angegriffen wurde vor wenigen Tagen nämlich auch der Ort Quitunda. Hier leben durch das Projekt umgesiedelte Einwohner*innen. Der Ort steht damit sinnbildlich für erste Auswirkungen der geplanten Gasexploration.

Es sind die bestehenden und zu erwartenden sozioökonomischen Folgen, gepaart mit jahrzehntelanger kultureller und politischer Marginalisierung der nördlichen Provinzen, die den Konflikt befeuern. In der mehrheitlich von Muslimen bewohnten Region spielt der Islam eine kanalisierende und mobilisierende Rolle, so dass sich vor allem junge Männer den radikal-islamischen Gruppierungen angeschlossen haben.

Angesichts der sich verschärfenden Situation für Total stellt sich die Frage, wie sich Frankreich positioniert. Wird Total versuchen, Mosambiks Regierung zu zwingen, eine größere Präsenz der französischen Armee und Marine zu akzeptieren? Oder wird Total bei einer negativen Entscheidung möglicherweise seine Investition überdenken? Frankreich wird, wenn es keine eigene militärische Präsenz aufbauen möchte, auf eine stärkere europäische Rolle drängen. Laut EU-Außenminister Josep Borrell steht die EU bereit, eine Mission von Sicherheitsexperten zu entsenden. All diese Ansätze gehen aber an einer Konfliktlösung vorbei, welche die Ursachen angeht. Bereits mehr als 2500 Personen wurden getötet und fast 600 000 Menschen mussten fliehen. Militärisch wird sich der Konflikt nicht beilegen lassen, das sollten sich alle Beteiligten klarmachen.

Abonniere das »nd«
Linkssein ist kompliziert.
Wir behalten den Überblick!

Mit unserem Digital-Aktionsabo kannst Du alle Ausgaben von »nd« digital (nd.App oder nd.Epaper) für wenig Geld zu Hause oder unterwegs lesen.
Jetzt abonnieren!
- Anzeige -

Das »nd« bleibt gefährdet

Mit deiner Hilfe hat sich das »nd« zukunftsfähig aufgestellt. Dafür sagen wir danke. Und trotzdem haben wir schlechte Nachrichten. In Zeiten wie diesen bleibt eine linke Zeitung wie unsere gefährdet. Auch wenn die wirtschaftliche Entwicklung nach oben zeigt, besteht eine niedrige, sechsstellige Lücke zum Jahresende. Dein Beitrag ermöglicht uns zu recherchieren, zu schreiben und zu publizieren. Zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!

Mit deiner Unterstützung können wir weiterhin:


→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.

Sei Teil der solidarischen Finanzierung und unterstütze das »nd« mit einem Beitrag deiner Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.

- Anzeige -
- Anzeige -