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Tokio-Marathon: Japan läuft sich frei
Beim Wettbewerb in der japanischen Hauptstadt wird es am Sonntag erstmals drei Genderkategorien geben
Wer sich unsicher über seine Geschlechtszugehörigkeit ist oder diese ganz ablehnt, hat es im Sport nicht leicht. Praktisch jede athletische Wettbewerbsdisziplin teilt sich in weiblich und männlich auf. Männer treten gegeneinander an, Frauen ebenfalls. Diese Zweiteilung basiert auf dem traditionellen Verständnis, dass Männer erstens andere Körper haben als Frauen und es zweitens nur zwei Geschlechter gibt. Dass die Forschung hier längst Schattierungen erkennt, fand im Sport bisher kaum Widerhall.
Aber das ändert sich gerade. Am Sonntag beim Marathon in Tokio werden die Teilnehmenden erstmals nicht mehr nur in den Kategorien Mann und Frau antreten. Bei der Anmeldung können die Teilnehmenden freiwillig ein drittes Feld auswählen: »Nicht-binär« nennen es die Offiziellen. Der Marathon in der japanischen Hauptstadt – der neben denen in Berlin, Boston, Chicago, London und New York zu den sechs Eliteläufen der World Marathon Majors zählt – ist damit nicht mehr nur einer der wichtigsten Wettbewerbe, sondern auch einer der offensten.
»Der Tokio-Marathon ist der Förderung von Diversität, Gleichheit und Inklusion verpflichtet und beabsichtigt, das inklusivste Rennen der Welt zu werden«, erklärte eine Pressemitteilung der Veranstaltung schon im vergangenen Sommer. Eine dritte Geschlechtskategorie gibt es nun in allen Bereichen: Ob unter Teilnehmenden mit einer Sehbehinderung, jenen mit Rollstuhl oder solchen, die ohne Behinderung laufen können. Außerdem werden die Ergebnisse der nicht-binären Teilnehmenden in einer eigenen Wertungskategorie gelistet. Das gab es in Japan noch nie.
Dabei ist der Schritt in dem ostasiatischen Land quasi folgerichtig. Über die vergangenen Jahrzehnte hat in Japan zwar das Ideal der »homogenen Gesellschaft« gegolten, nach dem sich die Mitglieder der Gesellschaft im Großen und Ganzen ähnlich seien, dieselben Werte verfolgen, was für soziale Harmonie sorgen soll. Nur hat dieses »japanische Modell« über die Jahrzehnte auch Konservatismus und teils gar Abschottung bedeutet. Eine Folge: Japans Bevölkerung schrumpft, die Wirtschaft wächst seit Jahrzehnten nicht.
So gilt der alte Ansatz mittlerweile als überholt. Japan will bunter werden – was sich auch besonders im Sport zeigt. Als Tokio – mit einer pandemiebedingten Verspätung um ein Jahr – 2021 die Olympischen Sommerspiele austrug, prangte überall der Spruch »Unity in Diversity«, also »Einheit in Vielfalt«. In mehreren Sportarten, zum Beispiel im Volleyball, wurden seitdem auch Regelungen zu Athlet*innen aus dem Ausland gelockert. Japan internationalisiert sich seit Jahren in hohem Tempo.
Und das Land diversifiziert sich auch genderpolitisch. Inmitten eines großen Arbeitskräftemangels werben Betriebe vermehrt mit Regenbogenflaggen, um sich als offen für alle zu positionieren. Offen nicht-heterosexuelle oder nicht-binäre Personen im aktiven Profisport sind in Japan zwar noch längst nicht üblich. Die Heteronormativität bleibt weit verbreitet, wie Athlet*innen nach ihren Karrieren wiederholt betont haben. Aber die Richtung, die Japan eingeschlagen hat, ist klar.
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Und nun will man in Sachen Inklusion gar die Welt anführen. Wobei auch hierfür noch ein paar Schritte nötig sind. Denn im Rahmen der World Marathon Majors ist Tokio nicht das erste Rennen, bei dem sich nicht-binäre Personen auch als solche anmelden können. Berlin, Boston, Chicago, London und New York führten diese Kategorie bereits 2021 ein. Japans Hauptstadt ist insofern eher Nachzügler. Den weltweiten Sport dürfte der Schritt trotzdem weiter in Verlegenheit bringen. Denn sportartenübergreifend hat die Geschlechterfrage immer wieder für Streit gesorgt. Trans* oder intersex* Personen wurden wiederholt von Wettkämpfen ausgeschlossen, auch vom Leichtathletik-Weltverband, zu dem der Marathonsport zählt.
Sebastian Coe, der Vorsitzende des Weltverbands, ist der Meinung, die Zulassung von Athlet*innen, die nicht in eine der zwei traditionellen Geschlechterkategorien passen, sei eine Entscheidung zwischen »Fairness oder Inklusion«. Wenn etwa trans* Frauen in der Kategorie der Frauen teilnehmen, seien Athletinnen, die weniger männliche Hormone in sich haben, im Nachteil. So tendiert der Leichtathletik-Weltverband bisher klar dazu, Fairness über Inklusion zu stellen, um den Frauensport zu schützen.
Die Einführung einer dritten Geschlechterkategorie könnte sich als neuer Weg herausstellen, wobei auch sie nicht alle Probleme lösen wird. Denn »nicht-binär« ist keine Bezeichnung, die alle Personen anspricht, die sich weder als Mann noch als Frau verstehen. Trans* Personen wiederum akzeptieren für sich meist die Binarität zwischen Mann und Frau, sehen sich nur auf jener Seite, in die sie bei ihrer Geburt nicht eingeteilt wurden. Das Existenzproblem von trans* Personen im Sport bliebe bestehen. Vielleicht kommt aus Tokio, wo man das inklusivste Rennen der Welt veranstalten will, ja bald ein neuer Lösungsvorschlag.
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