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Ausländische Pflegekräfte: »Dass er hier ist, ist ein Geschenk«
Um dem Fachkräftemangel in der Pflege entgegenzuwirken, rekrutiert die Dachstiftung Diakonie Menschen aus dem Ausland
Im Dienstzimmer des Pflegeheims sitzt John Donasco am Schreibtisch. Vor ihm stehen jede Menge Aktenordner. »Papier, so viel Papier«, sagt der 36-Jährige lachend. Der Philippiner ist Wohnbereichsleiter im Stephansstift der Diakonie in Hannover. Ob die Schreibarbeit Spaß macht? »Es macht nicht unbedingt Spaß, aber es bringt Ruhe. Ich finde es schön, alles in Ordnung zu bringen.«
Donasco ist eine von rund 346.000 ausländischen Pflegekräften in Deutschland. 2020 ist er durch ein Fachkräfte-Recruiting nach Deutschland gekommen. Nach rund einem Jahr hat er seine Anerkennungsprüfung als Pflegefachkraft bestanden. Menschen wie er werden dringend gebraucht. In Deutschland fehlen bis 2049 voraussichtlich zwischen 280.000 und 690.000 Fachkräfte in der Pflege. 2055 werden Schätzungen zufolge 6,8 Millionen Menschen pflegebedürftig sein.
Dass viele alte Menschen ins Pflegeheim kommen, findet er traurig. »Unsere Kultur ist ganz anders. Unsere älteren Menschen bleiben zu Hause, wir kümmern uns selbst um Oma und Opa.« Deshalb gefalle ihm an seiner Arbeit, sich um alte Menschen kümmern zu können. Sie fühlten: Es ist jemand da. »Viele Menschen aus den Philippinen sind durch ihre Kultur intrinsisch motiviert, in die Altenpflege zu gehen«, erklärt Vanessa Geruschkat. Sie ist Referentin für Personalmarketing und Recruiting der Dachstiftung Diakonie. 25 Pflegefachkräfte aus dem Inselstaat hat sie nach Niedersachsen geholt und deren Integration begleitet.
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Donasco studierte in seinem Heimatland vier Jahre an einer Universität Krankenpflege – samt Bachelor-Abschluss. Danach arbeitete er viele Jahre im Krankenhaus. Als er erfuhr, dass Deutschland Fachkräfte suche, man gutes Gehalt bekomme und seine Familie mitbringen könne, dachte er: »Wow, das ist ein gutes Angebot.« Er begann, Deutsch zu lernen und bestand nach sechs Monaten die erforderliche B2-Prüfung.
Die Sprachschule auf den Philippinen kooperiert mit einer Agentur, die Pflegekräfte nach Deutschland vermittelt. Ein Jahr habe er warten müssen. Mit drei anderen Philippinern sei er dann nach Leipzig gekommen. Beim ersten Arbeitgeber habe es Schwierigkeiten mit der Bezahlung und der Wohnsituation gegeben. Erst im Stephansstift hätten sie das Gefühl bekommen: »Hier sind wir wirklich angekommen.«
Seine Frau und der jetzt fünf Jahre alte Sohn kamen im Juni 2023 zu ihm. Die Tochter ist im Februar 2024 geboren und damit gebürtige Hannoveranerin. »Das Leben hier hat viele Vorteile«, sagt Donasco, »insbesondere, wenn du eine Familie hast«. So schätzt er die Krankenversicherung, die es auf den Philippinen nicht gebe. »Das gibt Sicherheit.«
Nun klopft Donasco bei Bewohner Hermann Globisch an die Tür. »Hallo! Gleich gibt es Mittagessen.« Geduldig hilft er dem 90-Jährigen in den Rollstuhl, schenkt ihm ein Glas Wasser ein. »Brauchen Sie noch etwas?« »John geht besonders liebevoll mit den Bewohnern um. Dass er hier ist, ist ein Geschenk«, sagt Einrichtungsleiterin Carmen Schulte-Berthold.
In Niedersachsen soll spätestens ab Juli eine zentrale Behörde für das beschleunigte Fachkräfteverfahren ihren Betrieb aufnehmen. Das sei eine Chance, schnell zu einer Entscheidung im Fachkräfteverfahren zu kommen, was dringend nötig sei, sagt Niedersachsens Diakonie-Chef Hans-Joachim Lenke.
Als Wohnbereichsleiter kommuniziert Donasco mit Ärzten und Angehörigen. Wegen der großen Verantwortung hatte er erst abgelehnt. »Und wegen meiner Sprache, ich dachte, ich schaffe es nicht, mit den Angehörigen zu sprechen.« Doch mittlerweile hat er die Leitungsfunktion seit zwei Jahren mit Erfolg inne.
An Deutschland mag Donasco das kalte Wetter, Winter, Schnee. »In meiner Heimat musst du dreimal am Tag duschen, weil du die ganze Zeit nur schwitzt.« Nur das Essen findet er komisch: kaltes Abendbrot und an jeder Ecke eine Döner-Bude. »Entschuldigung, gibt es nichts anderes?« Donasco lacht.
Heute macht John Donasco seinen Lieblingsdienst, die Frühschicht. Start: 6.15 Uhr. »Dann habe ich mehr Zeit mit meiner Familie.« Um 14.30 Uhr hat er Feierabend. Dann holt er seinen Sohn von der Kita ab. epd/nd
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