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»Militär-Keynesianismus«: Hinten kommt nichts Gutes heraus
Der Effekt von Rüstungsausgaben auf die Wirtschaft ist verzwickt, kommentiert Nils Dietrich
Internet, GPS, Software: All diese schönen Dinge unseres Alltags wurden ursprünglich im militärischen Bereich entwickelt. Ein Hoch auf die Rüstungsindustrie? Ökonomen, die darauf mit »Ja« antworten würden, gibt es zurzeit erstaunlich viele. »Wachstum durch Aufrüstung – Deutschland könnte stark profitieren« titelte beispielsweise das »Handelsblatt«.
Ein Blick auf die USA während des Zweiten Weltkriegs: sinkende Arbeitslosigkeit und ein wachsendes Bruttoinlandsprodukt. Entwicklungen, die einige Ökonomen ein durchweg positives Urteil über die hohen Rüstungsausgaben jener Zeit fällen ließen. Zu dieser Art von Ökonomen gehören bis heute vor allem jene, die sich eine keynesianistische Tradition auf die Fahnen schreiben.
Laut dem Keynesianismus lassen sich Wirtschaftsflauten, bei denen Konsum, Löhne und Produktion ins Stocken geraten, aufhalten, indem der Staat in solchen Zeiten mehr Geld als sonst in die Hand nimmt, um den Wirtschaftskreislauf in Schwung bringen. Der sogenannte Militär-Keynesianismus bezieht dies vor allem auf den Rüstungssektor.
Nils Dietrich (22) studiert Politikwissenschaft und Soziologie in Halle an der Saale.
Doch auch wenn die Produktion der Rüstungsindustrie Wachstum bedeuten kann, steigert sie nicht den realen Wohlstand der Bevölkerung. Um die Rüstungsproduktion zu steigern, müssen nämlich mehr Ressourcen für diese aufgewendet werden. Diese Ressourcen werden dadurch knapper und teurer für die Produktion von Gütern, die für den normalen Endkonsumenten einen Gebrauchswert haben, was dieser an der Ladenkasse zu spüren bekommt. So gab es auch in den USA während des Zweiten Weltkriegs trotz Wirtschaftswachstums einen starken Konsumrückgang der privaten Haushalte. Und rechnet man den Rüstungssektor weg, ist auch das US-amerikanische Bruttoinlandsprodukt in dieser Zeit geschrumpft.
Die damals in den USA gesunkene Arbeitslosigkeit ist zudem in erster Linie auf die große Zahl an Soldaten zurückzuführen. Auch in Deutschland ließen sich die Arbeitslosenzahlen mithilfe einer erneuten Wehrpflicht sicherlich wunderbar schönrechnen. Pläne für einen neuen Pflichtdienst gibt es sowohl in der CDU/CSU als auch in der SPD und bei den Grünen. Sie dürften auch in einen möglichen Koalitionsvertrag einfließen.
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Der Nutzen, den die Technologien aus dem Militärbereich heute für die Zivilgesellschaft haben, ist ebenfalls ein erfreulicher Zufall. Die Frage ist doch, was diese ganze militärische Forschungsarbeit für die Gesellschaft hätte erreichen können, wenn sie von Anfang an zivilgesellschaftlichen Zwecken gewidmet gewesen wäre.
Im Jahr 2020 ergab die groß angelegte Metastudie »Military Expenditures and Economic Growth«, in der 231 Studien ausgewertet und zusammengefasst wurden, dass hohe Rüstungsausgaben insgesamt einen überwiegend negativen Effekt auf das Wirtschaftswachstum haben. Der »Militär-Keynesianismus« macht die Menschen also real ärmer, und hinten kommt nichts Gutes heraus. Nichts bis auf einen großen Haufen totes Metall.
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