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- Interview mit Save the Children
Kinder in Gaza: »Das Leben hängt am seidenen Faden«
Shaima Al-Obaidi berichtet für Save the Children über die humanitäre Lage der Kinder im Gazastreifen
Sie sprechen direkt aus dem Gazastreifen mit mir, wo sind Sie gerade? Fühlen Sie sich sicher?
Ich bin in Deir Al-Balah, im zentralen Teil des Gazastreifens. Jeden Tag hören wir Bomben, Drohnen, Artillerie und Kampfhubschrauber. Fast täglich gibt es laute Explosionen. Nirgendwo in Gaza fühlt man sich derzeit sicher.
Seit dem 2. März ist die humanitäre Hilfe durch Israel blockiert. Können Sie uns die aktuelle humanitäre Lage schildern?
Die Blockade der Hilfslieferungen fiel mit dem Ramadan zusammen. Im Laufe der Wochen hat sich die Nahrungsmittelversorgung dramatisch verschlechtert – zuerst verschwanden Fleisch und Geflügel, dann wurden Eier und Proteinquellen knapp. Frisches Obst und Gemüse ist kaum noch verfügbar, obwohl Vorräte an der Grenze verrotten. Viele Menschen hungern, da die Marktpreise ihre finanziellen Möglichkeiten übersteigen. Sie sind auf Hilfe und Lebensmittelpakete angewiesen.
Während der vorherigen Blockade vor der Feuerpause griffen Familien zu verzweifelten Maßnahmen. Eine Frau erzählte mir, dass sie ihre Kinder mit Tierfutter ernähren musste – es war so abstoßend, dass sie sich beim Essen die Nasen zuhalten mussten. Andere hatten nur Gras zu essen. Ohne sauberes Wasser tranken viele kontaminiertes Meerwasser, was zu gesundheitlichen Problemen führte. Polio, eine zuvor ausgerottete Krankheit, ist wieder aufgetreten.
Die Situation ist furchtbar. Menschen leben in mangelhaft ausgestatteten Zelten, manche nur unter Planen. Als ich im Winter ankam, war es bitterkalt – meine Hände waren geschwollen und blau. Dennoch liefen Kinder ohne Schuhe oder angemessene Kleidung herum, was zeigt, wie außergewöhnlich resilient sie sein können.
Welche Art von Hilfe und Unterstützung leistet Save the Children?
Während der Feuerpause verteilten wir lebenswichtige Güter, darunter Winterpakete mit Decken, Matratzen und Kissen. Wir lieferten Winterkleidung, Schuhe, Mäntel und warme Kleidung für Kinder. Mit lokalen Partnern stellten wir besonders Familien im Norden Wasser zur Verfügung, zusammen mit Hygienepaketen, die Shampoo, Seife und Zahnpflegeartikel enthielten.
Shaima Al-Obaidi ist Senior Media Managerin bei Save the Children UK, einer NGO, die sich weltweit für den Schutz von Kindern einsetzt. Al-Obaida ist spezialisiert auf die Berichterstattung über Kinder, die von Konflikten betroffen sind. Sie war bereits in Afghanistan, Somalia und im Südsudan im Einsatz sowie bis zum 1. April im Gazastreifen, wo sie mit vielen Kindern und Familien gesprochen hat. Das Gespräch fand am letzten Tag ihres Aufenthalts dort statt.
Wir haben auch provisorische Lernräume für Kinder im Alter von drei bis zwölf Jahren eingerichtet, wo grundlegender Unterricht in Mathematik, Arabisch und Englisch angeboten wird, da viele während des Krieges nicht zur Schule gehen konnten. Unsere Gesundheitsprogramme bieten medizinische Basisversorgung für Erkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes, Durchfall und Atemwegsinfektionen. Zudem gibt es wir Ernährungsprogramme für unterernährte Kinder.
Wie viele Mitarbeiter haben Sie vor Ort?
Wir haben über 200 Mitarbeiter, ganz überwiegend palästinensische Staatsbürger, sowie lokale palästinensische Partner.
Woher bekommen Sie die humanitären Güter?
Über Rafah und das Westjordanland, aber momentan kommt keine Hilfe durch. Wir haben etwa 50 Lastwagen an der Grenze warten. Wir unterhalten verschiedene Lager in Gaza, die noch einige Vorräte haben, aber diese gehen zur Neige. Kürzlich konnten wir über unsere Partner Wasser und einige medizinische Hilfsgüter liefern, doch die Ressourcen schwinden rapide.
Welche direkten Auswirkungen hat die Hilfsblockade auf Kinder?
Das Leben der Kinder hängt buchstäblich am seidenen Faden. Wenn sie nicht durch Bomben sterben, sterben sie an Hunger. Das ist die tragische Realität in Gaza. Kindern fehlt das Nötigste zum Überleben – Wasser, Nahrung und Sicherheit – mit tiefgreifenden Folgen für ihre Zukunft, ihre psychische und physische Gesundheit. Es ist unerlässlich, dass die Einschränkungen der humanitären Hilfe umgehend aufgehoben werden.
Was sagen Sie Eltern, die Sie um Hilfe bitten?
Ehrlich gesagt bin ich oft sprachlos, wenn sie ihre Erlebnisse mit mir teilen. Ich habe nicht immer die richtigen Antworten oder Worte. Save the Children versucht sein Bestes, um zu liefern, was wir können, aber unsere Bewegungsfreiheit ist eingeschränkt, da der Krieg wieder aufgenommen wurde. Die Sicherheit unserer Mitarbeiter hat Priorität, weshalb wir die meisten Programme ausgesetzt haben. Erst kürzlich konnten wir unsere Gesundheitsklinik in Deir Al-Balah wieder in Betrieb nehmen und einige Dienstleistungen zum Schutz der Kinder über lokale Partner anbieten.
Was sind die spezifischen Bedürfnisse von Kindern jenseits von Wasser und Unterkunft?
Unsere Umfrage während der Feuerpause ergab, dass Kinder im nördlichen Gaza Wasser, Nahrung und Schuhe benötigten. Im Süden waren die drei wichtigsten Bedürfnisse Schuhe, Kleidung und Rollstühle. Kinder mit Behinderungen stehen vor enormen Mobilitätsproblemen und sind stark auf Betreuer angewiesen. Wenn ich Familien frage, welche Botschaft sie an die Welt senden würden, lautet die Antwort durchweg: »Wir lieben das Leben, wir wollen Frieden, wir wollen leben.« Die Menschen sind emotional erschöpft. Sie wollen einfach nur, dass ihre Kinder in Sicherheit sind – ein grundlegendes Menschenrecht.
Wie steht es um die psychische Gesundheit der Kinder?
Die Kinder hier sind zutiefst traumatisiert. Sie haben Dinge gesehen, die kein Kind je erleben sollte. Mütter haben mir erzählt, wie ihre Kinder Leichen sahen, die von Hunden gefressen wurden, oder Babys, die durch Explosionen auf Bäume geschleudert wurden. Eine Mutter und ihr zweijähriges Kind wurden aus Trümmern gerettet, während der Rest ihrer Familie eingeschlossen blieb. Ich traf ein neunjähriges Mädchen mit einer Splitterwunde am Kopf, auf diesem Teil ihres Schädels wachsen keine Haare mehr. Er darf nicht mit Wasser in Berührung kommen, und Sonnenlicht verursacht ihr starke Kopfschmerzen. Dennoch geht und spricht sie mit Selbstvertrauen. Sie möchte Lehrerin werden, um anderen beizubringen, wie man Gaza wieder aufbauen kann. Trotz ihrer Traumata zeigen diese Kinder unglaubliche Widerstandskraft.
Was kann Save the Children für die psychische Gesundheit dieser Kinder tun?
Wir haben Kinderschutzprogramme, die psychische und psychosoziale Unterstützung bieten und sichere Räume schaffen, in denen Kinder sie selbst sein können. Wir führen Mutter-Kind-Bindungssitzungen durch mit Aktivitäten, bei denen Gefühle zum Ausdruck gebracht werden können, Kinder und Eltern sich glückliche Situationen vorstellen. Während einer Sitzung erzählte mir eine Mutter, dass sie ihr Kind zum ersten Mal seit 16 Monaten umarmt hatte. Sie war so beschäftigt damit, ihre Kinder am Leben zu erhalten – Wasser holen, Nahrung finden, sie warm halten, vor Gefahren fliehen –, dass sie keine Zeit für diese einfachen Dinge hatte, die jede Mutter tun würde.
Welche Unterstützung werden die Menschen in Gaza nach einem Waffenstillstand benötigen?
Sie werden alles brauchen. Das Ausmaß der Not hier ist unbeschreiblich. Menschen haben ihre Häuser verloren, Leben wurde zerstört, die Infrastruktur dezimiert. Das Gesundheitssystem liegt am Boden, Schulen wurden zerstört. Der Wiederaufbau Gazas wird Jahre dauern. Es ist der schlimmste Kontext, in dem ich je gearbeitet habe. Aber es gibt Hoffnung – wenn die internationale Gemeinschaft aktiv wird und es einen endgültigen, sofortigen Waffenstillstand gibt, können wir Leben retten.
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