Bayer Leverkusen: Das Ende der Meistermannschaft

Bayers Niederlagen der vergangenen Wochen sind keine isolierten Ereignisse, sondern Teil einer Abwärtsdynamik

  • Daniel Theweleit, Leverkusen
  • Lesedauer: 4 Min.
Gehen irgendwann getrennte Wege: Meistertrainer Alonso (l.) und Starspieler Wirtz könnten Leverkusen bald verlassen.
Gehen irgendwann getrennte Wege: Meistertrainer Alonso (l.) und Starspieler Wirtz könnten Leverkusen bald verlassen.

Zumindest eine gute Nachricht gab es inmitten dieser schrecklichen Fußballwoche, die hinter den Angehörigen von Bayer Leverkusen liegt. Fast zeitgleich mit der heftigen Niederlage des Werksklubs im Halbfinale des DFB-Pokals bei Drittligist Bielefeld schuf Carlo Ancelotti mit Real Madrid ein kleines Pokalkunstwerk. Durch ein spektakuläres 4:4 nach Verlängerung gegen Real Sociedad San Sebastián erreichte der Champions-League-Sieger das Endspiel des spanischen Pokals.

Alonso und Madrid

Warum das für Bayern wichtig ist? Weil Ancelotti als Kandidat gilt, im Sommer die brasilianische Nationalmannschaft zu übernehmen. Und dieser Schritt könnte wiederum den Leverkusener Meistertrainer Xabi Alonso zu Real Madrid ziehen, wo jedoch Nächte wie jene vom Dienstag die Verbindung zu Ancelotti wieder stärken.

Tragisch ist, dass der deutsche Double-Sieger derzeit auf solche fernen Ereignisse schauen muss, um die Stimmung aufzuhellen. So einfach und leichtgängig das Frühjahr des vergangenen Meisterjahres sich am Rhein anfühlte, so kompliziert ist die Lage in der finalen Saisonphase 2025. Vor einer Woche ließ Alonso die Möglichkeit ungenutzt, wie zum gleichen Zeitpunkt der Vorsaison, seinen Verbleib in Leverkusen anzukündigen. Ein gutes Zeichen ist das nicht. Und am Sonnabend trifft das Team im Auswärtsspiel auf formstarke Heidenheimer, die plötzlich als ziemlich schwere Herausforderung erscheinen.

Tatsächlich besteht die Gefahr, dass dieses in seinen besten Phasen auf magische Art und Weise schön und erfolgreich spielende Bayer-Team der vergangenen eineinhalb Jahre schon jetzt Geschichte sein könnte. Wohl auch erfüllt von dieser Sorge sagte Torwart Lukas Hradecky nach dem Pokal-Aus in Bielefeld: »Ich kann nicht in Worte fassen, wie weh es tut.«

Schlechter Plan

Spätestens seit dieser Woche ist klar, dass die Niederlagen der vergangenen Wochen keine isolierten Ereignisse, sondern Teil einer Abwärtsdynamik sind, die nicht einmal der vor Kurzem noch wie ein Magier bestaunte Alonso stoppen kann. »Wir haben in den letzten 25 Monaten viel gewonnen und keine großen Rückschläge gehabt«, erklärte der Trainer. Die aktuelle Lage ist auch für ihn neu. Die Duelle mit dem FC Bayern in der Champions League waren desillusionierend und haben die für einen kurzen Moment infrage stehenden Kräfteverhältnisse wieder zugunsten der Münchner geklärt. Und das Pokal-Aus hinterlässt abermals den Eindruck, als habe Alonso sein Gespür für die richtigen Entscheidungen verloren. »Vielleicht war der Plan nicht gut«, räumte er ein. Das alles wirkt wie eine Krise, die längst vom Platz auf die Harmonie im Umfeld des Teams abstrahlt.

Noch besteht zwar die vage Hoffnung, dass die Mannschaft den Sechs-Punkte-Rückstand auf die Bayern aufholt und wieder Deutscher Meister wird. »Wir sind in einer interessanten Position«, sagt Alonso zur Tabellenlage. Dass die Großtat in der Bundesliga gelingt, war aber bereits vor dem Untergang auf der Alm schwer vorstellbar, nun erscheint ein solcher Coup fast unmöglich. Weil die Mannschaft die wichtigsten Fähigkeiten der Alonso-Zeit verloren hat: die Widerstandskraft und die Fähigkeit, in schwierigen Momenten so gut wie immer die passende Lösung zu finden.

Zeit des Lernens

Leverkusen ist nicht mehr diese faszinierende Einheit: Spieler und Trainer machen Fehler und haben die Gewissheit verloren, in jeder Situation die Kontrolle übernehmen zu können. Die Aura der Unbezwingbarkeit, die das Team in den besten Zeiten umgab, hat sich verflüchtigt und wird sehr wahrscheinlich auch nicht wiederkommen. Dass Trainer Alonso das Pokal-Aus für sich selbst als gute Lehrstunde begreift, ist da ein schwacher Trost. »Ich lerne aus jedem schlechten Moment«, erklärte der Spanier.

Vielleicht verbucht der derzeit verletzte Florian Wirtz diese Saisonphase mittlerweile ebenfalls als Zeit des Lernens. Der Offensivspieler steht ebenso wie Alonso vor der Entscheidung, ob er auch im kommenden Jahr ein Leverkusener ist, lässt den Klub aber seit Monaten darüber im Ungewissen, ob er das ausgehandelte Vertragsangebot, das eine deutliche Gehaltserhöhung und eine Ausstiegsklausel enthält, annehmen wird. Andernfalls soll er wechseln, weil der Klub die Transfereinnahmen braucht. Die sportlichen Probleme werden damit von einem lähmenden Stillstand auf dem Feld der Zukunftsplanungen flankiert. Klar ist eigentlich nur: Eine Fortsetzung der süßen Zeit wird es nicht geben.

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