Heiße Lage nach der Wahl
Afghanistan: Warten auf das Endergebnis / Neue Anschläge
Kabul (dpa/ND). Neueste Teilergebnisse deuten aber weiterhin nicht auf eine absolute Mehrheit Karsais im ersten Wahlgang hin. Die Unabhängige Wahlkommission teilte am Montag nach Auszählung der Stimmen aus knapp der Hälfte der Wahllokale mit, der amtierenden Präsident komme bislang auf 45,8 Prozent. Ex-Außenminister Abdullah folge mit 33,2 Prozent. Die Angaben sind wegen der geringen Anzahl der ausgezählten Stimmen aus der Wahl vom 20. August nach wie vor nur begrenzt aussagekräftig.
Nach den jüngsten Teilergebnissen liegt Karsai noch gute zwölf Prozentpunkte vor Abdullah. Bei der Veröffentlichung der Ergebnisse am Sonnabend hatte der Vorsprung noch knapp 15 Punkte betragen. Zu Beginn der Auszählung der Stimmen hatten erste Teilergebnisse auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen hingedeutet.
Sollte Karsai auch bei der weiteren Stimmenauszählung nicht auf eine absolute Mehrheit kommen, wäre im Oktober ein zweiter Wahlgang zwischen dem Spitzenreiter und dem Zweitplatzierten notwendig. Ein vorläufiges Ergebnis soll in den kommenden Tagen vorliegen, ein amtliches Endergebnis Mitte September. An dritter Stelle hinter Karsai und Abdullah liegt weiterhin der frühere Planungsminister Ramasan Baschardost mit 12,5 Prozent. Die restlichen 27 Kandidaten spielen keine wichtigere Rolle mehr.
Die von den Vereinten Nationen unterstützte Beschwerdekommission bearbeitet derzeit mehr als 2000 Einwände gegen die zunehmend umstrittene Wahl sowie gegen die Stimmenauszählung. 567 davon haben »hohe Priorität« und könnten den Wahlausgang beeinflussen.
Unterdessen sieht der deutsche General und Befehlshaber des NATO Allied Joint Force Command in Brunssum, Egon Ramms, in der Bevölkerung Afghanistans den Schlüssel des Erfolgs. »Die Bedrohung liegt da, dass es den Taliban möglicherweise gelingt, uns die Bevölkerung zu entwinden. Wenn wir die Unterstützung der Bevölkerung nicht gewinnen, müssen wir ernsthaft darüber nachdenken, ob wir das Land nicht verlassen müssen.« Ramms betonte in dem am Montag ausgestrahlten Beitrag des ARD-Hörfunkstudios Südasien zugleich: »Wenn es uns gelingt, die Unterstützung der Bevölkerung zu halten oder gar zu verbessern, haben wir eine gute Chance, den Taliban irgendwann den Boden zu entziehen.« Dann könnte der Einsatz »ohne wahnsinnige Mengen von Toten« zum Abschluss gebracht werden.
Ramms ist Vorgesetzter des Kommandeurs der Internationalen Schutztruppe ISAF, Stanley McChrystal. Der US-General McChrystal, der Befehlshaber der ISAF- und der US-Truppen in Afghanistan ist, hatte die Soldaten in der vergangenen Woche mit einer Richtlinie darauf eingeschworen, stärker auf die Bevölkerung zuzugehen. McChrystal übergab seine »strategische Einschätzung« der Lage am Montag Ramms und dem US-amerikanischen General David Petraeus im US Central Command. McChrystal sagte: »Die Lage in Afghanistan ist ernst, aber Erfolg ist erreichbar.« Die ISAF teilte mit, bei zwei Anschlägen im Süden des Landes seien am Montag zwei US-Soldaten getötet worden.
Bei einem Anschlag auf einen Nachschubkonvoi für die Truppen in Afghanistan gingen in Pakistan unterdessen rund 25 Öltankwagen und Lastwagen in Flammen auf. Die Polizei teilte mit, Hunderte Lastwagen hätten sich an der Grenze in Chaman gestaut. Extremisten hätten am Sonntagabend vermutlich einen Sprengsatz an einem der Tankwagen ferngezündet und damit ein Feuer ausgelöst, das andere Fahrzeuge erfasst habe. Eine verkohlte Leiche sei gefunden worden, bei der es sich wahrscheinlich um den Fahrer des Tankwagens gehandelt habe.
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.