Boll ließ den Sekt im Kühlschrank
Deutsches Tischtennis-Männerteam machte gegen Dänemark EM-Titel-Hattrick perfekt
Der Sekt blieb im Kühlschrank. »Ich trinke schon das ganze Jahr nichts, da werde ich jetzt nicht damit anfangen«, sagte der alte und neue Team-Europameister Timo Boll. Nach einer kleinen Feier im Mannschaftshotel schickte Bundestrainer Richard Prause seine Jungs kurz nach zwölf auf die Zimmer. Schließlich begannen bei den Tischtennis-EM in Stuttgart bereits am Donnerstagmorgen die Individualwettbewerbe.
Timo Boll, Matchwinner Christian Süß (beide Düsseldorf) und der überragende Dimitrij Owtscharow (Charleroi) hatten vor 6000 euphorischen Zuschauern nach zweieinhalbstündiger Spielzeit die Punkte für das deutsche Team geholt, das als erste Mannschaft seit 17 Jahren mehr als zwei Titel in Folge gewann. Zuletzt war Rekord-Europameister Schweden der Coup geglückt. Die Skandinavier triumphierten von 1964 bis 1974 insgesamt sechsmal, von 1986 bis 1992 viermal in Serie.
Knapp zwölf Stunden nach dem emotionalen 3:2-Finaltriumph über Dänemark stand Boll zusammen mit Süß wieder hellwach an der Platte. In der ersten Doppel-Runde hatten die Titelverteidiger beim 3:0 gegen die Armenier Mesrop Ghukasyan und Murad Asatryan keine Probleme. Auch die weiteren deutschen Doppel (fünf bei den Männern, drei bei den Frauen) siegten in der ersten Runde.
Für ein mögliches drittes EM-Triple in Serie muss sich der Weltranglistendritte Boll jedoch gehörig steigern. Gegen Dänemarks Star Michael Maze war er im Teamfinale chancenlos. »Das war ein Denkzettel für mich. Im Aufschlag-Rückschlagspiel war er eine Klasse besser als ich«, so Boll. Die Teamkollegen Süß und Owtscharow bügelten seine Schwäche meisterlich aus. »Das ist über Jahre unsere Stärke, dass wir eben nicht nur einen Boll haben«, sagte er selbst. Seine Analyse bestätigte sich im Finale. Dänemark hatte mit Maze, der sowohl Boll als auch Süß schlug, nur einen Spitzenspieler, der maximal zwei Punkte holen kann.
Christian Süß bot im alles entscheidende Match gegen Finn Tugwell das Spiel seines Lebens, schlug den Dänen mit 3:0 und sorgte damit für den 3:2-Endstand.
Die Stimmung in der Stuttgarter Arena wurde allerdings zeitweilig getrübt, als der überragende Maze Süß mit 3:0 zur dänischen Führung vom Tisch schmetterte. Boll fand gegen Tugwell die passende Antwort und gewährte ihm beim 3:0 gerade einmal 14 Punkte. Owtscharow knüpfte gegen Dänemarks Nummer drei Martin Monrad nahtlos an die Leistung Bolls an. Der 21-Jährige spielte seinen Gegner beim 3:0 förmlich an die Wand. Das tat anschließend Maze beim 3:1 gegen einen plötzlich indisponierten Boll, der nur im dritten Satz überzeugte, den er nach 2:6-Rückstand gewann. Schließlich holte Christian Süß die Kohlen aus dem Feuer. »Das ist schon eine besondere Situation, im eigenen Land den Titel zu gewinnen. Ich war sehr nervös«, erklärte Süß.
Der Titel bei den Frauen ging an die Niederlande. Das Team um Li Jiao besiegte Polen mit 3:1 und verteidigte den Titel erfolgreich. Insgesamt war es erst der zweite EM-Triumph der Niederlande.
Männer, Teamfinale: Deutschland - Dänemark 3:2. Süß (Düsseldorf) – Spiele: Maze 0:3 (9:11, 6:11, 9:11), Boll (Düsseldorf) - Tugwell 3:0 (11:5, 11:1, 11:8), Owtscharow (Charleroi) - Monrad 3:0 (11:5, 11:5, 11:3), Boll - Maze 1:3 (8:11, 4:11, 11:7, 7:11), Süß - Tugwell 3:0 (11:5, 11:8, 11:5), 3. Rumänien und Österreich. Frauen, Teamfinale: Niederlande - Polen 3:1 – Spiele: Jiao Li - Qian Li 1:3, Jie Li - Partyka 3:1, Timina - Jie Xu 3:2, Jiao Li - Partyka 3:0, 3. Tschechien und Kroatien.
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