Es zischt gewaltig ...

Mit Austernomeletts feiern Chinesen im malaysischen Georgetown Neujahr

  • Michael Lenz, Georgetown
  • Lesedauer: 3 Min.
Das multikulturelle Georgetown feiert ein fröhliches Straßenfest.
Das multikulturelle Georgetown feiert ein fröhliches Straßenfest.

Die chinesischen Austernomelettes, die Herr Lee in seiner Garküche in der Aceh-Straße in der Altstadt von Georgetown brutzelt, sind heiß begehrt. Es zischt gewaltig, wenn er die weiße flüssige Stärke in die Pfanne gießt, zwei Eier drüberschlägt, aus dem mit Austernfleisch gefüllten Plastikeimer eine Kelle Austern dazugibt, diese mit einem Schuss Sambalsauce würzt und kurz anbrät. Fertig ist eine Portion Or Chien, die umgerechnet 1,50 Euro kostet.

Am Sonntag war Halbzeit des 15-tägigen chinesischen Neujahrsfestes und die neun großen chinesischen Klans haben zum Straßenfest in Georgetowns chinesisch-kolonialer Altstadt, die seit zwei Jahren zum Weltkulturerbe gehört, geladen. Gut 50 000 Menschen sind gekommen, um in den mit roten Laternen beleuchteten Gassen chinesische Folklore zu erleben, in prachtvollen Klantempeln zu beten und an einer der vielen Garküchen chinesische, indische oder malaiische Spezialitäten essen. Nicht umsonst steht Georgetown auf der malaysischen Insel Penang in dem Ruf, eine der besten Küchen Asiens zu bieten. Obwohl 60 Prozent der Einwohner der ehemaligen britischen Handelsstadt Georgetown malaysische Chinesen sind, ist die malaysische Metropole sehr multikulturell. Malaien leben hier ebenso wie Inder und Menschen aus Europa, den USA und Australien, die für die vielen Unternehmen der Elektronikindustrie arbeiten.

Die Multikulturalität Penangs ist einer Belastungsprobe ausgesetzt, wie starke Polizeipräsenz während des Klanfestes zeigt. Es werden Störaktionen muslimischer Malaien befürchtet. Seit dem fulminanten Wahlerfolg der Opposition vor zwei Jahren ist Malaysias Regierungspartei Umno unter Druck geraten. In fünf Bundesstaaten, so Penang, konnte erstmals die Opposition die Regierung stellen. Um verlorenes Terrain zurückzuerobern, spielt Umno als Sachwalterin der muslimischen Malaien die religiös-rassistische Karte. So twitterte vor dem Fest das Gerücht, Penangs chinesischstämmiger Regierungschef Lim Guan Eng habe muslimischen Folkloregruppen den Auftritt auf dem Fest verboten.

An der Kasse des Sun Yat Sen Museums in einem alten chinesischen Shophouse in der Armenischen Straße sitzt am Sonntag Alex König. »Ich tue hier jedes Jahr Dienst«, sagt der Berliner, der mit Museumsgründerin Khoo Salma während seiner Zeit als Stadtplaner in Penang in den 1990er Jahren gegen viele Widerstände den Grundstein zur Bewahrung des kulturellen Erbes Georgetowns legte. Aber der Weltkulturerbestatus der einstigen »Perle des Orients« steht auf wackeligen Füßen. »Es gibt so gut wie keine Mittel zur Sanierung und Konservierung der historischen Altstadt. Die schmucken Häuser verfallen weiter, was ganz im Sinn der Baumafia ist«, klagt König.

Draußen vor dem historischen Haus, in dem der chinesische Revolutionär Sun Yat Sen den Sturz des Kaisers von China 1911 vorbereitete, geht das Fest weiter. Auf einer Bühne tritt eine indische Folkloregruppe auf. Ein Straßenhändler verkauft Muskatnusssaft. Das »Islammuseum« nebenan freut sich über ein reges Interesse. Die Malaysier lassen sich von ein paar rassistischen Hardlinern nicht so leicht ins Bockshorn jagen.

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