Die zwei Gesichter der »Mö«

Hamburger Symbol: die Mönckebergstraße

  • Volker Stahl, Hamburg
  • Lesedauer: 2 Min.
Vor einem Jahrhundert entstand, als Herzstück der Hamburger Innenstadt, die weit über die Grenzen der Hansestadt hinaus bekannte Mönckebergstraße. Benannt nach dem Bürgermeister Johann Georg Mönckeberg (1839-1908) wurde die großbürgerliche Konsummeile zwischen 1908 und 1913 erbaut. Zum Jubiläum der Einweihung am 26. Oktober 1909 legte der Architekturhistoriker Jan Lubitz ein exzellent recherchiertes und gut geschriebenes Buch vor, das nicht nur die Geschichte der Straße erzählt.

Als 30 Meter breite Verbindungsachse zwischen dem 1906 entstandenen Hauptbahnhof und dem 1897 fertiggestellten Rathaus war die Mönckebergstraße Teil eines umfangreichen Sanierungsplans. Dieser war wegen des enormen Wachstums der Stadt im 19. Jahrhundert notwendig geworden. Im Kaiserreich florierten die Wirtschaft und der Hamburger Hafen. Innerhalb weniger Jahrzehnte vervierfachte sich die Bevölkerungszahl. Um die Jahrhundertwende zählte man bereits über 700 000 Einwohner. Die alte Kaufmannsstadt war zu eng geworden.

Die Vororte wuchsen rasant, und im Stadtkern begann eine Entwicklung, die bereits um 1900 als »Citybildungsprozess« bezeichnet wurde. Diese Entwicklung beinhaltete, neben der baulichen Veränderung, eine soziale Komponente: Die rücksichtslose Verdrängung der angestammten Arbeiter und ihrer Familien an den Stadtrand. Historisch gewachsene Wohnquartiere verschwanden binnen weniger Jahre und machten modernen Büro- und Geschäftshäusern Platz.

Um den Bau der Mönckebergstraße zu ermöglichen, wurde das alte Gängeviertel in der östlichen Altstadt abgerissen. Eine Sanierung des Gebietes war, nicht zuletzt aufgrund der katastrophalen hygienischen Zustände, dringend notwendig. Denn nur wenige Jahre zuvor, 1892, hatte hier die Cholera besonders schlimm gewütet und in ganz Hamburg mehr als 8600 Todesopfer gefordert.

Erste gravierende Veränderungen der alten Stadtstruktur mit einem in Jahrhunderten gewachsenen Straßengeflecht und dem ungeordneten Nebeneinander von Wohnen, Arbeit und Verkehr wurden bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durchgesetzt. 1842 hatte der verheerende große Hamburger Brand mehr als ein Viertel des alten Stadtgebietes in Schutt und Asche gelegt. Die Katastrophe wurde als Chance begriffen und bot die Gelegenheit, eine städtebauliche Modernisierung auf den Weg zu bringen. Jan Lubitz beschreibt nicht nur die Entstehungsgeschichte der Mönckebergstraße und stellt die einzelnen Bauten und deren Architekten vor.

Der Autor vermittelt zugleich auch einen soliden Überblick über die Stadtentwicklungsgeschichte Hamburgs von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Bau der »Mö«.

Das Buch ist reich illustriert und nennt zahlreiche wissenschaftliche Quellen, die zur weiteren Beschäftigung mit dem Thema einladen. Wer Lubitz' Buch gelesen hat, wird bei einem Hamburg-Besuch in Zukunft mit wacheren Augen durch die »City« flanieren und beim Einkaufen in der »Mö« nicht nur an Schnäppchen denken.

Jan Lubitz: Die Mönckebergstraße. Hamburgs Weg zur Großstadt. Junius Verlag, Hamburg 2009, 160 Seiten, 24,90 Euro

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