257 Schlaglöcher verkauft
In Niederzimmern bei Weimar feiert man den PR-Erfolg des Dorfes
Mit einem »Schlaglochfest« begeht die Thüringer Gemeinde Niederzimmern an diesem Freitag den Abschluss einer ungewöhnlichen Verkaufsaktion. Unter dem Motto »Teer muss her« hatte das Dorf seit März Löcher auf den frostgeschädigten Dorfstraßen zum Stückpreis von 50 Euro verkauft.
Niederzimmern. Schlaglöcher haben in Niederzimmern in Thüringen inzwischen Kultstatus. Das Dorf zwischen Weimar und Erfurt gibt »Schlaglochplaketten« aus, erhält ein »Erinnerungsschlagloch« und singt einen »Schlaglochsong«. Mit dem Verkauf von Löchern auf den vom Winter böse angeschlagenen Dorfstraßen schaffte es die 1000 Einwohner zählende Gemeinde sogar bis in die Weltpresse. Unter dem Motto »Teer muss her« fanden seit Anfang März 257 Löcher Besitzer im In- und Ausland.
An diesem Freitag nun feiert der Ort mit einem »Schlaglochfest« den Abschluss der Reparaturarbeiten und das Gelingen einer Aktion, die vor allem eines war: ein großer PR-Coup. Die Idee wurde aus einer Partylaune heraus geboren, erzählt Christoph Schmidt-Rose (CDU), seit 1994 ehrenamtlicher Bürgermeister von Niederzimmern. »Alle haben über die Straßen geschimpft, wir wollten dem ein bisschen Humor entgegenstellen.« Im Internet bot die Gemeinde Schlaglöcher zum Stückpreis von 50 Euro an.
Verkauft wurden sie nicht nur nach Köln, München, Hamburg oder Dortmund, auch nach Großbritannien, Kanada, Australien oder Japan. Die Käufer sind jetzt auf Schlaglochplaketten verewigt. Die Aktion brachte mehr als 12 000 Euro in die Gemeindekasse. Vom Erlös wurden in den vergangenen Tagen die gröbsten Straßenschäden behoben.
Die Lochkäufer wiederum hatten wohl hauptsächlich Spaß am Gag. Das lassen zumindest Texte wie »Highway to hell«, »Für meinen Erbonkel zum 60.« und »50 gemeinsame Jahre und in keinem Schlagloch versunken« auf den Schlaglochplaketten erahnen. Auch der gebürtige Sauerländer Christoph Schmidt-Rose investierte 50 Euro in ein Schlagloch, die Plakette widmete er seiner Ehefrau Christiane.
Prominentester Erwerber ist Thüringens Innenminister Peter Huber (CDU). Das entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie, ist doch das Innenministerium für die Kommunalfinanzen zuständig. Die Aktion »Teer muss her« trage allerdings in keiner Weise politischen Charakter, versichert Schmidt-Rose, der selbst hauptamtlich im Ministerium beschäftigt ist. »Das war einfach ein Spaß.« Er räumt ein, dass ihm die Sache auch Anfeindungen und den Vorwurf, er verharmlose die finanzielle Situation der Kommunen, eingetragen habe.
Viele Kommunen nicht nur in Thüringen klagen derzeit, dass sie angesichts ihrer knappen Finanzen nicht wissen, wie sie die nötigen Reparaturarbeiten an den Straßen finanzieren sollen. Der Thüringer Städte- und Gemeindebund sieht den Schlaglochverkauf deshalb durchaus politisch. »Das zeigt, dass die Kommunen immer deutlicher an ihre finanziellen Grenzen stoßen«, kommentiert Geschäftsführer Ralf Rusch. »Aber Niederzimmern hat sich etwas einfallen lassen statt nur Geld zu verlangen.«
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