Brände erreichten von Tschernobyl verseuchte Gebiete

Russische Waldschutzbehörde rief die staatlichen Stellen zu Notfallmaßnahmen für den Schutz der Bewohner auf

  • Lesedauer: 3 Min.
Die Wald- und Torfbrände in Russland haben entgegen vorheriger Regierungsangaben auch die von der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl verseuchten Gebiete erreicht.

Moskau/Berlin (AFP/dpa/ND). In ganz Russland habe es seit Juli auf rund 3900 Hektar als radioaktiv verseucht eingestuftem Land gebrannt, teilte die russische Waldschutzbehörde am Mittwoch mit. Wie das Amt auf seiner Internetseite mitteilte, standen allein in der westrussischen Region Brjansk am vergangenen Freitag große Flächen in Brand. Die Region wird auf einer Liste mit den am stärksten durch die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor 24 Jahren verseuchten Gebiete geführt. Dort erstreckten sich am 6. August 28 Brände auf 269 Hektar Land. Besonders im Westen brannten den Angaben zufolge Feuer in verseuchten Gebieten.

Das Katastrophenschutzministerium hatte noch einen Tag zuvor gewarnt, dass die seit Juli wütenden Waldbrände die Region erreichen könnten – es sei zu befürchten, dass mit dem Rauch radioaktive Partikel aufstiegen. Anfang der Woche aber hatten Vertreter des Ministeriums dementiert, dass in der Region von Brjansk Feuer ausgebrochen waren. Die Region, die an die Ukraine und Belarus grenzt, wurde im April 1986 durch die radioaktive Wolke aus dem Atommeiler Tschernobyl erheblich verseucht. »Es gibt Karten zu den verseuchten Gebieten, es gibt Karten zu den von den Bränden erfassten Gebieten. Jeder kann diese Informationen zusammenlegen; warum also sollte man sie abstreiten«, sagte ein Vertreter der Waldschutzbehörde nun der russischen Nachrichtenagentur Interfax.

Die Behörde rief die staatlichen Stellen in den betroffenen Gebieten auf, Notfallmaßnahmen zum Schutz der Bewohner zu ergreifen. Es gebe jedoch »keinen Grund zur Panik«, sagte der stellvertretende Leiter, Alexej Bobrinski. Zwar würden mit dem Rauch verseuchte Partikel in die Luft getragen, dies sei jedoch keine »Katastrophe«.

Radioaktiv verseuchte Flächen brannten in den vergangenen Tagen auch in den Regionen Kaluga und Tula nahe Moskau. In den Straßen der Hauptstadt hing in den vergangenen Tagen wiederholt dichter Smog wegen der Brände in der Umgebung. Am Mittwoch verbesserte sich durch etwas Regen, eine leichte Brise und niedrigere Temperaturen die Lage leicht. Der Wetterdienst erwartet jedoch neuen Smog in den kommenden Tagen.

Durch die Waldbrände in den von der Tschernobyl-Katastrophe verseuchten Gebieten Russlands droht Zentraleuropa zur Zeit keine akute Gefahr wegen aufgewirbelter und vom Wind weitergetriebener radioaktiver Partikel.

»Laut derzeitiger Wetterlage besteht keine Gefahr, dass radioaktive Teilchen aktuell nach Deutschland gelangen«, sagte ein Sprecher des Bundesumweltministeriums. Die weitere Entwicklung bei Wind und Wetter würde aber beobachtet. »Die Gefahr bei den Waldbränden besteht, dass Partikel freigesetzt und in der Atmosphäre verteilt werden.« Dies gelte vor allem für die von den Brandfolgen direkt betroffene Region.

Laut Deutschem Wetterdienst (DWD) werden eventuell aufgewirbelte radioaktive Partikel in den nächsten Tagen voraussichtlich von Russland nach Nordwesten in Richtung Osteuropa, Baltikum und Südschweden getrieben. »Nach Deutschland werden bis zum Samstag keine Emissionen kommen«, sagte ein Sprecher. Weiter reichten die Wetterprognosen noch nicht. Der DWD berechnet im Auftrag des Bundesamts für Strahlenschutz und des Innenministeriums seit Tagen die Ausbreitung der Rauchwolken über Russland.

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