- Kommentare
- kommentiert
Kalkulierter Eklat
In den Bestsellerlisten steht das Buch »Das Ende der Geduld« von Kirsten Heisig, das die Berliner Richterin noch kurz vor ihrer Selbsttötung fertig stellte, seit Wochen ganz weit vorne. Das dürfte weniger am Inhalt des Buches liegen, sondern vielmehr daran, dass schon vor Erscheinen von den beiden Leitmedien Deutschlands, dem »Spiegel« und der »Bild«-Zeitung, wochenlang die Werbetrommel für das Werk gerührt wurde. Genutzt hat dem Markterfolg sicherlich auch der in der Berichterstattung der beiden Blätter gebetsmühlenartig behauptete Tabubruch im Auftrag der ominösen schweigenden Mehrheit in Deutschland, der angeblich mit den Aussagen in Heisigs Buch verbunden sei. Das Volk will eben nachlesen, was es so denkt.
Es braucht keine großen hellseherischen Fähigkeiten, dem Ende August erscheinenden Buch Thilo Sarrazins über die drohende Muslimisierung Deutschlands (»Deutschland schafft sich ab«) einen ähnlichen Erfolg vorherzusagen. Wieder hat ein Verlag die beiden Pole des Boulevard-Journalismus mit dem Recht auf Vorabdruck von Buchauszügen beglückt. Der kalkulierte Eklat soll dabei nicht nur die Verkaufszahlen des Buches nach oben treiben, er soll auch die Annahme bestätigen, hier schreibe jemand eine Wahrheit, die bislang in der Medienlandschaft nicht geäußert werden durfte,weshalb das Buch eine Art Wellenbrecher für eine gesellschaftliche Debatte über Migration und Integration sei. Das Perfide ist, dass andere Medien in der von »Spiegel« und »Bild« aufgezwungenen Debatte gar nicht umhin können, diesen Eindruck zu bestätigen – mit jedem Wort, das über Sarrazins Buch erscheint.
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.