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SPD will Sarrazin loswerden

Parteiausschlussverfahren eingeleitet / Buchvorstellung in Berlin / Bundesbank prüft Konsequenzen

  • Nissrine Messaoudi
  • Lesedauer: 2 Min.
Die Kritik an Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin wächst. Während er gestern sein umstrittenes Buch vorstellte, entschied sich die SPD, ein Parteiausschlussverfahren einzuleiten. Auch die Bundesbank distanzierte sich von Sarrazin.
Migranten-Verbände warnen vor rassistischer Gefahr.
Migranten-Verbände warnen vor rassistischer Gefahr.

Deutschland wird im Schnitt dümmer – und zwar wegen der hier lebenden Muslime. Das ist eine der umstrittenen Thesen von Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin, die er am Montag bei seiner Buchpräsentation in Berlin noch einmal vertrat. Derweil beschloss die SPD-Spitze, ein Ausschlussverfahren einzuleiten. Sarrazin zeigte sich jedoch zuversichtlich, weiterhin SPD-Mitglied zu bleiben. »Ich werde in der Volkspartei bleiben, weil diese Themen in eine Volkspartei gehören«, sagte er. Auch der Vorstand der Deutschen Bundesbank ging auf Distanz. Sollte Sarrazin entlassen werden, müsste der Bundespräsident das auf Antrag der Bundesbank vollziehen. Man werde »unverzüglich ein Gespräch mit Herrn Dr. Sarrazin führen, ihn anhören und zeitnah über die weiteren Schritte entscheiden«, erklärte die Bankspitze.

Begleitet wurde die Buchpräsentation von einem Protest vor der Bundespressekonferenz. Rund 150 Menschen aus unterschiedlichsten Kulturkreisen haben zusammen mit Vertretern der LINKEN und der Gewerkschaft ver.di gegen die Äußerungen des Bundesbankvorstands demonstriert, darunter der frühere Vize-Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Michel Friedman. »Wir sprechen jeden Tag über Integration, dafür brauchen wir Sarrazin nicht«, sagte Friedman. Der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD), Kenan Kolat, forderte eine breite Diskussion über intellektuellen Rassismus und begrüßte den Entschluss der SPD, ein Parteiordnungsverfahren einzuleiten.

Ibrahim Arslan, der 1992 bei einem von Nazis verübten Brandanschlag in Mölln Familienangehörige verlor, demonstrierte mit. »Islamophobie ist gefährlich, dagegen muss was getan werden«, warnte der 27-Jährige. »Ich bin Deutscher und Moslem, und das ist auch gut so.«

Sarrazin ließ sein Buch »Deutschland schafft sich ab« von der türkischstämmigen Soziologin Necla Kelek vorstellen. Kelek rief dazu auf, die »Einwanderungs-Thesen« inhaltlich zu diskutieren. Der »schrille kritische Chor« von der LINKEN bis hin zur CDU sei nicht haltbar, denn die Diskussion dürfe nicht moralisch geführt werden. Zu den Beweggründen für das Verfassen eines solchen Buches gab Sarrazin unter anderem seine »Liebe zum Vaterland« an. Denn der demografische Wandel mache ihm große Sorgen. Die Muslime seien nämlich nicht nur im Schnitt dümmer, sondern auch noch fruchtbarer, was dazu führe, dass sich die »autochthone (einheimische) Bevölkerung« drastisch verringere, wiederholte Sarrazin. Auch von seiner These über das Erbgut von Juden wollte der Ökonom nicht abrücken. »Wissenschaftliche Untersuchungen offenbaren die gemeinsamen genetischen Wurzeln der heute lebenden Juden. Das ist ein Faktum.«

Sevim Dagdelen, migrationspolitische Sprecherin der LINKEN, kritisierte: »Wer Menschengruppen genetisch definiert, begibt sich in die Nähe von Nazi-Ideologen.«

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