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Von den Bergen gepredigt
Man soll den Morast nicht aufrühren. Man soll auf Bergen leben.« Diesem Diktum Nietzsches war die katholische Weltkirche so lange gefolgt, bis der Morast die Gipfel erreicht hatte. Der Gewalt- und Missbrauchsskandal, der von den USA aus Länder aller Kontinente erfasste, lässt nun in fast gleicher Folge seine Konvulsionen in Buß-, Beschwichtigungs- und Wiedergutmachungsbewegungen abklingen. In Deutschland scheint die Angelegenheit mit den neuen Richtlinien der Bischofskonferenz erledigt. Zurzeit richtet sich der Nachrichtenfokus auf Belgien – ein kleines Land, dem ein auf einschlägigem Gebiet aktiver Klerus in den 60er bis 80er Jahren immerhin über 470 nachgewiesene schwere Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen bescherte. Wobei die Formeln mehr oder weniger wohlfeiler Reuebekundungen in Belgien jenen anderenorts verblüffend gleichen. Es gehe darum, den Opfern »persönliche Aufmerksamkeit« zu geben und »ihre Würde wiederherzustellen«, so der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Erzbischof André-Joseph Léonard, am Montag in Brüssel. Das mag alles ehrlich gemeint sein. Es betrifft aber letztlich nur die Oberfläche des Morastes. Darunter liegen jahrhundertealte Schichten schlimmster Sexualmoral. Jene, die auf Bergen leben, haben diese Schichten in ihrer Predigt nicht einmal angerührt.
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