Der Schwarze verlässt Schwedt
Ausländerbeauftragter soll den Rassismus nicht mehr ausgehalten haben
»Angst habe ich nicht. Wenn ich Angst hätte, dann wäre ich längst weggegangen«, hat Ibraimo Alberto einmal gesagt. Er ist Boxer, hat in der ersten Bundesliga gekämpft, sich immer durchgeboxt. Aber nun verlässt er Schwedt doch. Heute will er in einem Kindergarten in Baden-Württemberg als Erzieher anfangen.
Alberto habe sich auch in Schwedt beworben, habe hier jedoch leider keine dauerhafte Beschäftigung gefunden, sagt Bürgermeister Jürgen Polzehl (SPD). Dann sei er mit der freudigen Nachricht gekommen, in Baden-Württemberg einen Job erhalten zu haben. »Einzig und allein« deswegen sei Alberto weggezogen. Alles andere, was jetzt behauptet werde, entbehre jeder Grundlage. Davon sei bei der Verabschiedung keine Rede gewesen. Insbesondere stimme nicht, dass die Stadt den Boxer vergrault habe.
»Ich fühle mich in Schwedt nicht mehr sicher«, zitierte der »Tagesspiegel« den langjährigen Ausländerbeauftragten. Zu 80 Prozent sei der Wegzug den zunehmenden rechtsextremistischen Anfeindungen gegen ihn und seine Kinder geschuldet. Von schlimmen Beleidigungen und sogar von tätlichen Angriffen wird berichtet.
Das sei zu einseitig dargestellt, findet Bürgermeister Polzehl. »Das es Übergriffe gab, das ist richtig. Aber die liegen Jahre zurück.« Man habe in Schwedt ein funktionierendes Netzwerk gegen Fremdenfeindlichkeit, in dem Alberto sehr aktiv mitgearbeitet habe. Er persönlich habe ein enges Verhältnis zu dem Ausländerbeauftragten gehabt, berichtet der Bürgermeister. Alberto sei SPD-Stadtverordneter und gut integriert gewesen. Tatsächlich war der Mosambikaner in Schwedt nicht zuletzt wegen seiner sportlichen Leistungen und seines unermüdlichen Einsatzes für die Jugend richtig berühmt. Allerdings werde er nie als Deutscher, sondern immer als der Ausländer gesehen, als sei er gerade erst angekommen, verriet er. Die deutsche Staatsbürgerschaft zählte da nicht. Dabei gelangte der damals 16-Jährige bereits 1981 nach Ostberlin. Er wollte gern Sport studieren und danach in sein Heimatland zurückkehren, das der DDR seinerzeit freundschaftlich verbunden war. Doch dazu kam es nicht. Er absolvierte eine Fleischerlehre und war später in der Ausbildung seiner Landsleute beim VEB Glaswerk Stralau tätig. 1990 zog er zu seiner deutschen Frau nach Schwedt.
Nach nunmehr vier Jahren Arbeitslosigkeit werfe Ibraimo Alberto das Handtuch, beklagt Irmela Mensah-Schramm. Die Berlinerin ist bekannt dafür, dass sie vor allem in der Hauptstadt, aber auch in Brandenburg und anderswo Nazi-Aufkleber abkratzt und dazu Ausstellungen veranstaltet, wofür sie Hochachtung genießt. Die Unterstützung der Stadt Schwedt, des Landkreises Uckermark und des Landes Brandenburg für Ibraimo Alberto habe zu wünschen übrig gelassen, rügt Mensah-Schramm. Als Bezieher von Hartz IV habe er einen Vollzeitjob geleistet. »Eine hauptamtliche Funktion war für ihn nicht vorgesehen!« Die sehr knapp bemessene Aufwandsentschädigung habe die Tätigkeit fast unmöglich gemacht. »Ibraimo Alberto stand stets allein den rassistischen Angriffen und ständigen Anfeindungen – nicht nur von den Neonazis – gegenüber.« Öffentlich sei das lieber unter den Teppich gekehrt worden. Die Rundgänge in Schwedt, bei denen sie gemeinsam mit Alberto Nazi-Propaganda beseitigt habe, werde sie nun allein fortsetzen, verspricht Mensah-Schramm. Das sei sie ihm schuldig. Ihre Erklärung faxte Mensah-Schramm unter der Überschrift: »Der letzte schwarze Bürger verlässt Schwedt.«
Die Stadt muss sich nun einen neuen Ausländerbeauftragten suchen. Der Ausländeranteil in Schwedt liegt unter zwei Prozent.
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