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Langeweile am Rhein
Yuichi Ichiko sieht traurig aus, wie er so am Rand des Spielfeldes sitzt, auf dem die japanische Nationalmannschaft gerade trainiert; irgendwo im Niemandsland zwischen Leverkusen und Köln. Der WM-Spielplan hat es nicht gut gemeint mit Yuichi, der als TV-Produzent die japanische Mannschaft für den nationalen Sender NHK mit eigenem Kamerateam verfolgt. Eine lange erste Woche hat ihn dieser Job nur nach Bochum und Leverkusen gebracht. Nicht wirklich die schönste Seite von 20Elf.
»Nein, ich habe noch nicht viel gesehen von Deutschland. Was soll ich hier schon machen?«, fragt er mich, und ich weiß keine Antwort. Auch ich habe ein paar Tage in Leverkusen verbracht. Ein riesiges »Bayer«-Logo über der Stadt sagt alles über den Charme dieses WM-Ortes.
Doch auch der Job scheint Yuichi zu langweilen. Jeden Tag sieht er dieselben Gesichter. 21 Spielerinnen kommen auf mindestens 30 Journalisten aus Japan, die jede Minute der Nationalelf verfolgen. Sie fahren dem Mannschaftsbus vom Hotel zum Fußballplatz hinterher und wieder zurück, auf der Suche nach der neuen Geschichte, die es doch nicht gibt. »Ein bisschen schade finde ich es schon«, sagt Yuichi, »dass ich nicht in das andere Team unseres Senders gekommen bin.« Das reist derweil durchs ganze Land, besucht das Auftaktspiel im Berliner Olympiastadion oder die Fanmeile in Frankfurt am Main, während Yuichi in Köln-Chorweiler versauert.
»Kopf hoch!«, gebe ich ihm mit auf den Weg. »Es kann doch nur besser werden«, und tatsächlich hellt sich beim Gedanken an die Zukunft seine Miene auf. »Jetzt geht es nach Augsburg. Da soll es schöner sein«, hofft Yuichi.
Ich hoffe auf ein Finale Deutschland gegen Japan. Dann sehe ich Yuichi wieder und lade ihn ein auf die Fanmeile am Main.
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