Das Beispiel New York wirkt
Zahlreiche Aktionen in vielen Teilen der USA
In mehreren Märschen und Aktionen, an denen in New York am Hudson River bis zu 50 000 Menschen teilnahmen, ging es den ganzen Sonnabend über um die Macht der Finanzindustrie, Arbeitslosigkeit, Zwangsräumungen, Verschuldung und Armut. Das Gewerkschaftskomitee von »Occupy Wall Street« hatte zur Demonstration vor einer Manhattaner Filiale der Bank JP Morgan Chase aufgerufen. Die Begründung war naheliegend. Die Bank hatte von der Washingtoner Regierung nach dem Finanzcrash 94,7 Milliarden Dollar an Steuergeldern erhalten, seitdem aber 14 000 Mitarbeiter entlassen. Außerdem zahlt sie ihren Managern obszön hohe Boni. Bei ähnlichen Protesten vor der Citibank wurden 24 Menschen festgenommen. Sie hatten den Aufruf befolgen wollen, ihre Konten aufzulösen, und waren in einer Filiale der Aufforderung des Filialleiters nicht nachgekommen, das Gebäude zu verlassen. Das Geld solle, statt bei den üblichen Großbanken, bei Genossenschaftsbanken angelegt werden, hieß es in dem Aufruf.
In Manhattan kam es bei den sozialen Protesten im Verlauf des Tages zu mindestens 100 weiteren Festnahmen. Von Massenverhaftungen am größten Platz Manhattans, dem Times Square, sah die Polizeiführung offenbar in letzter Minute ab. Bis zu 30 000 Menschen hatten sich dort und in den Nebenstraßen gegen Abend versammelt. Ordnungskräfte spalteten die Menge, die aus verschiedenen Richtungen zusammenzuströmen versuchte, mit Hilfe von Metallbarrikaden. Der berühmte Broadway-Abschnitt war zwar stundenlang »besetzt«, so dass kaum Fahrzeuge passieren konnten. Aber der Polizei gelang es großenteils, die Nachtschwärmer, Touristen und Demonstranten voneinander zu trennen.
Vor dem Rekrutierungsbüro der US Army am Times Square hatte sich schwer bewaffnete Polizei aufgebaut. Mittelschichtbürger mit Kindern standen dort den Sicherheitskräften Auge in Auge gegenüber und weigerten sich, auf die Bürgersteige zurückzutreten. Immer wieder schallten der Polizei Sprechchöre entgegen: »Wir verteidigen eure Renten, wechselt auf unsere Seite.« Um Mitternacht räumten Tausende von Demonstranten dann den Washington Square, wohin sie sich vom Times Square aus zurückgezogen hatten. Eine Vollversammlung hatte nach längerer Debatte beschlossen, den Platz vorerst nicht zu besetzen.
Quer durch die USA schlossen sich am Sonnabend Tausende von Menschen den weltweiten Protesten an - in Großstädten wie Los Angeles, Chicago, Denver, Atlanta und Pittsburgh, aber auch in Orten, die bisher als völlig unpolitisch galten. In Orlando im Bundesstaat Florida etwa, wo der Disney-Konzern das Sagen hat, versammelten sich 2000 Menschen. Selbst in Jackson im Bundesstaat Mississippi, wo zuletzt vor 50 Jahren die Bürgerrechtsbewegung mobilisierte, hielten vier Dutzend Menschen Schilder hoch, auf denen es hieß »Health Care Not Warfare« (Krankenversorgung statt Krieg).
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