Königsstadt unter Wasser

In Ayutthaya wird aus einer Stadt ein Flüchtlingslager

  • Mick Elmore, dpa
  • Lesedauer: 3 Min.
Die thailändische Königsstadt Ayutthaya steht seit zwei Monaten unter Wasser. Eine Verbesserung der Lage ist nicht in Sicht. Doch die Einwohner wollen ihren Mut nicht verlieren. Aus dem ganzen Land kommt Hilfe

Yodying Suwankit hat in seinen 56 Jahren schon vieles gesehen. Überschwemmungen gehören in seinem Heimatort, der alten thailändischen Königsstadt Ayutthaya, in fast jeder Monsunzeit dazu. Aber so schlimm wie in diesem Jahr war es noch nie.

»Das sind die schlimmsten Überschwemmungen meines Lebens«, erzählt er. Seit zwei Monaten ist sein Viertel überflutet. Seine etwa 200 Nachbarn und er leben seitdem in Notunterkünften an einer höher gelegenen Straße. Sie plaudern, spielen Schach und behalten ihre überfluteten Häuser im Auge. Mehr können sie nicht tun. Wie lange die Wassermassen noch bleiben werden? »Keine Ahnung, vielleicht noch einen Monat«, meint eine Frau schulterzuckend. Dann kümmert sie sich weiter um ihre Wäsche.

Viele können ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen. Vor zwei Wochen wurde das Haus von Amphon und Satipan Nongdee überflutet. Das junge Paar, seine sieben Monate alte Tochter und die 18-köpfige Großfamilie hausen seitdem auf erhöhten Tischen und Bänken. Ihren Imbisswagen haben sie eingemottet. Die Familie schlägt sich mit Hilfsgütern durch.

Ayutthaya wirkt wie ein riesiges Flüchtlingslager mit Zelten und notdürftig errichteten Hütten auf jedem höher gelegenen Flecken. Die Menschen leben in den noch nicht überfluteten Obergeschossen ihrer Häuser, Straßenbrücken dienen als Parkplätze für diejenigen, die ihre Autos vor den Fluten retten konnten. Viele haben in Notunterkünften der Regierung oder in Tempeln Unterschlupf gefunden, aber die meisten wollen in der Nähe ihres Hab und Guts bleiben.

Eine Armee von Helfern versucht, die Not zu lindern. Aus dem ganzen Land kommt Hilfe. »Wir helfen, weil wir Thais sind, genauso wie die Leute hier«, sagt der Mönch Phra Yuwin Pureeapaiyo. Er kam aus der Provinz Khon Kaen, um zu helfen. Eine Gruppe von 200 Polizisten aus dem ebenfalls von den Fluten betroffenen Nordostthailand brachte am Wochenende Tonnen von gespendeten Lebensmitteln, die sie nun verteilen. Der Polizist Anand Namsanoh will dort helfen, wo die Lage am Schlimmsten ist. Er war zuerst in der Stadt Nakhon Sawan. »Dort steht das Wasser nur bis hier«, sagt er und deutet auf seine Knie. »Hier steht es bis über den Kopf.«

Aus den Fluten lugen Autodächer hervor, den Menschen steht das Wasser im wahrsten Sinne des Wortes bis zum Hals. Oft kann man sich nur noch schwimmend fortbewegen. Alles, was auch nur irgendwie schwimmt oder treibt, wird zur Fortbewegung genutzt: Boote, Autoreifen, Styroporplatten. Am Phananchoeng Worawihan-Tempel versuchen zwei junge Mönche mit Hilfe einer Pumpe den Tempel trocken zu halten. Dann springen die zwei zur Abkühlung ins Wasser. Sie sind nicht allein. Für viele Kinder ist die Stadt zu einem riesigen Wasserspielplatz geworden.

Der öffentliche Ärger ist erstaunlich gering, obwohl manche denken, dass Ayutthaya den Fluten geopfert wurde, um die Hauptstadt Bangkok zu retten. Die Bewohner tragen ihr Schicksal mit bewundernswerter Gleichmut. Die Frage ist, wie lange noch.

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