Aus dem Viertel für das Viertel
Einführung einer lokalen Währung in Cidade de Deus, Rios berühmtesten »Favela«, soll die lokale Entwicklung fördern
Cidade de Deus (CDD), Gottesstadt, heißt ein Armenviertel im Westen Rio de Janeiros, das als überaus gefährlich gilt. Auch um das negative Image abzustreifen, haben sich die Bewohner der »Favela« eine eigene Währung gegeben. Ziel ist es, im Stadtviertel zu investieren, Identität zu fördern und die Weichen in Richtung Zukunft zu stellen. Ein Modell, das auf dem Konzept der solidarischen Ökonomie basiert und auch für andere Viertel interessant sein könnte.
CDD steht auf den Scheinen, welche die kommunale Bank von Cidade de Deus ausgegeben hat. Die Gesichter von Bewohnern des Stadtviertels zieren die Scheine von 0,50 bis 10 CDD. Diese zirkulieren seit Mitte September und sind genauso viel Wert wie die offizielle Währung Brasiliens, der Real. Doch in den lokalen Geschäften von Cidade de Deus erhalten die Kunden einen Preisnachlass von zehn Prozent, wenn sie in der neuen Lokalwährung zahlen. Ein Anreiz, um diese in Umlauf zu bringen, denn das neue Geld soll dazu beitragen, dem Viertel auf die Beine zu helfen.
Entwicklung durch solidarische ökonomische Strukturen lautet das Rezept, auf das sich die lokale Bevölkerung verständigt hat. Die Idee ist nicht neu, denn kommunale Banken, die auf dem Solidarprinzip basieren, gibt es bereits mehr als fünf Dutzend in Brasilien. Neu ist allerdings, dass das Modell auf die gesamten lokalen Wirtschaftsstrukturen übertragen wird. Die Leute sollen ihr Geld lokal ausgeben, dadurch die Ökonomie in ihrem Viertel stärken und so für Entwicklung sorgen. Der alternative Ansatz wird auch von der Politik unterstützt, denn bei der Stadtverwaltung Rios gibt es ein Sekretariat für die lokale Ökonomie und deren Förderung.
Cidade de Deus ist kein gewöhnliches Armenviertel. Fast jeder Brasilianer kennt es und auch so mancher Kino-Liebhaber im Ausland. In Cidade de Deus wurde 2002 der gleichnamige Film von Regisseur Fernando Meirelles gedreht, der aufzeigt, wie ein Viertel in Gewalt und organisierter Kriminalität förmlich versinkt. Das Viertel entstand in den 1960er Jahren und war der Versuch der Metropole, die Bildung von »Favelas« aufzuhalten beziehungsweise zu kanalisieren. Also siedelte man die Menschen um. Doch da es nicht zu flankierenden Programmen reichte, entstand ein Viertel, in dem die organisierte Kriminalität den Takt angab. Die Spirale hat Regisseur Meirelles so dramatisch eingefangen, dass es gleich zu vier Oscar-Nominierungen reichte.
Der erste Schritt zum Wandel erfolgte erst 2009, als eine Polizeieinheit zur Konfliktschlichtung eingerichtet wurde, berichtet Marcelo Henrique da Costa, Sekretär des solidarischen Entwicklungsreferats der Stadt Rio. Er war es, der letztlich für grünes Licht von oben sorgte. Dazu wurde erst einmal eine Studie zum lokalen Konsum erstellt, die ergab, dass 29 Prozent der Einkäufe außerhalb des Viertels gemacht wurden, wofür die Bewohner fehlende Kreditangebote, zu hohe Preise und ein mangelhaftes Angebot verantwortlich machten. Dadurch ergebe sich ein Finanzabfluss von umgerechnet 32 Millionen US-Dollar pro Jahr. Ziel des Experiments ist es zunächst, die Quote der Waren, die außerhalb eingekauft werden, auf 19 Prozent zu senken. Für die lokale Ökonomie wäre das eine erhebliche Finanzspritze, kalkuliert da Costa. Die könnte dazu führen, dass die lokalen Händler wettbewerbsfähiger werden und bewusst auf die heimische Währung setzen. Binnen eines Jahres sollte sich zeigen, ob das Modell auch auf andere Stadtviertel übertragbar ist.
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