Sanitäter zählen mehr Verletzte
Castorproteste: Schwere Vorwürfe gegen Polizei
Bei den Protesten gegen den jüngsten Castortransport nach Gorleben sind offenbar deutlich mehr Demonstranten verletzt worden als zunächst angegeben. »Die Anzahl hat sich nach Rückmeldung der letzten Teams auf 416 erhöht«, teilte jetzt die Sanitätszentrale der Castorgegner mit. Nach Ende des Transportes am Montagabend hatten die Demosanitäter 335 Verletzte gemeldet.
Die Zahl der schweren Verletzungen stieg von fünf auf acht. In einem Fall habe ein Polizist einer Person mit seinem Schlagstock auf das Schienbein geschlagen, während ein anderer Beamter das Bein festgehalten habe, heißt es in dem Bericht der Sanitäter. Es bestehe Verdacht auf eine Knochenfraktur. Einer weiteren Person sei aus nächster Nähe der gesamte Inhalt einer OC-Spray-Flasche (Pfefferspray) ins Gesicht gesprüht worden.
Eine Frau habe einen epileptischen Anfall erlitten und am Boden gelegen. »Polizeibeamte standen mit gezogenen Schlagstöcken um sie herum«. Erst nach Intervention eines Anwalts hätten die Beamten von ihr abgelassen, und ein Sanitäter habe die Demonstrantin versorgen können.
In dem Bericht schildern Sanitäter weitere Polizeischikanen. So habe bei der Schienenblockade in Vastorf der Polizeiarzt den Angeketteten mehrfach die Amputation der Arme angedroht. Ein weiteres Beispiel: »Während eine angekettete Frau bei der Blockade in Hitzacker pinkeln musste und die anwesenden Sanitäter hierfür einen Sichtschutz errichteten, hielt ein Polizist die Videokamera über die Absperrung und filmte die pinkelnde Frau von oben.«
Auch die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg (BI) dokumentiert einen Fall von Polizeigewalt auf ihrer Internetseite. Dort schildert eine junge Berlinerin, wie sie verprügelt worden sei: »Er schlug mir mit der Faust ins Gesicht, meinem Freund ging es nicht anders. Dann wurden wir zur Gesa nach Lüchow gebracht. Ich will, dass jeder sieht, wie ich zugerichtet wurde und werde mich dagegen auch juristisch zur Wehr setzen«, heißt es auf der BI-Seite. Zwei Bilder zeigen die Frau mit großen Schwellungen unter beiden Augen.
Unterdessen zeigt sich der Landkreis Harburg über die Informationspolitik der Polizei verstimmt. Von der Route des Transports und einem längeren Stopp im Rangierbahnhof Maschen sei die Kreisverwaltung erst nach dem Start des Zuges durch die Feuerwehr in Kenntnis gesetzt worden, sagte ein Kreis-Sprecher dem »nd«. Eine frühzeitige Information wäre aber wichtig gewesen, um die Rettungsdienste in Bereitschaft versetzen zu können. »Grade am Wochenende brauchen wir dafür eine Vorlaufzeit«, sagte der Sprecher weiter. Der Atommülltransport hatte am Samstag Maschen erreicht und war dort erst nach rund 18 Stunden weitergefahren.
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.