Der Tanz des Tieres

  • Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 2 Min.

In Santiago de Chile tobt der soziale, politische Protest, Wasserwerfer antworten - ein Straßenhund löscht daran seinen Durst und missversteht die Härte der Polizei als Ermunterung zum Spiel. Immer bilden die Spannungen zwischen Absicht und Wirkung den schönsten, bittersten Stoff für komische Situationen.

Es möcht' kein Hund so länger leben. Goethes Faust macht mit diesen Worten sehr schnell klar, was von der Welt zu halten sei. Bald tritt ihm - just ein Hund durch die Tür, um dieses Leben gründlich zu ändern: ein Pudel mit folgenreichem Kern. Tiere schauen uns aus der Literatur an wie Sendboten einer alternativen Existenz - die ohne Bewusstsein, also Denken auskommen darf. Oder muss! Jüngst erzählte das Schauspiel Hannover Kleists »Michael Kohlhaas« aus der Sicht der leidenden Pferde, und gegen dies kreatürliche Leiden kommt einem Brecht in den Sinn. Im »Puntila« beschwört er den Segen der gewerkschaftlichen Organisation in dem Satz: Wenn sich die Kühe besprechen könnten, gäb's keinen Schlachthof mehr.

Der tollende, tanzende Hund auf dem chilenischen Foto reagiert selbstvergessen auf das menschlichste Elend: aufeinander loszugehen wie wild - nicht wegen fehlendem Hirn, sondern wegen zu viel freier Kapazität im Bewusstsein: Geist existiert nicht ohne Gier nach Herrschaft. Und Herrschaft produziert Zustände, in denen uns Tiere erscheinen wie letzte Abgesandte einer uns nie mehr möglichen Unschuld.

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