- Kultur
- Serie »The Studio«
Sachzwänge haben auch in Hollywood das letzte Wort
Die hochkarätig besetzte Serie »The Studio« erzählt als bitterböse Persiflage vom Alltag in der kalifornischen Traumindustrie
Sag nie laut zu einem wirklichen Künstler, dass du dich selbst für einen Künstler hältst», rät ein Studio-Boss während der Golden-Globe-Verleihung Matt Remnick (Seth Rogen), dem neuen Leiter der fiktiven Continental-Studios. Matt, der brave, naive und etwas dämliche Antiheld dieser Geschichte ist ein großer Fan von Independent-Filmen, hat gerade erst den Zuschlag für seinen Traumjob als Studioleiter bekommen und ist davon überzeugt, ein Künstler zu sein und es auch in seiner neuen Funktion bleiben zu können. Trotz aller Sachzwänge glaubt er, das große Filmbusiness in Hollywood mit der Kunst verschweißen zu können. Und natürlich scheitert er dabei komplett.
Die Apple-TV+-Serie «The Studio» fährt jede Menge Berühmtheiten aus der Traumfabrik in Los Angeles auf und erzählt pointiert vom Alltag der Filmindustrie in Hollywood. Egal ob Matt Remnick von Charlize Theron bei einer Promi-Party rausgeschmissen wird, er das Alterswerk von Martin Scorsese zerstört, der weinend vor ihm steht, oder ob er Schauspieler Steve Buscemi umgarnt und ihm schleimig die Hand gibt: Es geht immer wieder darum, wie der Studioboss die Größen der Filmindustrie umschmeichelt und sie dann doch gegen sich aufbringt, obwohl er alles versucht, um mit ihnen gut zu stehen.
Der Widerspruch von Kommerz und Kunst wird immer zugunsten der Geschäftslogik aufgelöst.
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Die satirische Auseinandersetzung mit der Filmindustrie als Comedy-Serie bot vergangenes Jahr schon HBO mit «The Franchise». Auf dieser Welle schwimmt auch «The Studio» und erweckt den Eindruck, als hätten die Hollywood-Größen Schlange gestanden, um mitspielen zu dürfen. Hat Apple TV+ da ein besonders gutes Networking? Schon in der Klima-Dystopie-Serie «Extrapolations» spielte halb Hollywood mit.
Wenn in «The Studio» Erfolgsregisseurin und Oscar-Preisträgerin Sarah Polley mit Müh und Not eine Schlüsselszene für ihren neuen queeren Arthouse-Liebesfilm dreht, die nicht wiederholt werden kann, und Matt den ganzen Dreh versaut, kochen die Emotionen hoch. Die Zuschauer haben dann den Eindruck, so richtig hinter die Kulissen Hollywoods zu blicken.
Ähnlich ist das, wenn ausgiebig und recht hilflos über die Frage diskutiert wird, ob Ice Cube die richtige Besetzung für die Stimme einer animierten Figur in einem Multi-Millionen-Dollar-Franchise-Blockbuster ist oder damit rassistische Vorurteile befördert werden. Und als Matt beim finalen Cut des neuen Films von Regie-Legende Ron Howard dessen ganzen künstlerischen Anspruch zerstört, fühlt er sich natürlich schlecht und leidet, aber er muss es tun. Die Sachzwänge haben in Hollywood immer das letzte Wort.
«The Studio» rutscht stellenweise zwar in eine zu krawallige Comedy ab, mit laut herumschreienden und sich ständig streitenden Stars, ist dann aber immer wieder auch eine wunderbar treffsichere Satire. Es geht um steile Arbeitshierarchien, Ellenbogenmentalität im Job und die große Sehnsucht, bei der Produktion bedeutender kultureller Inhalte dabei zu sein.
«Breaking Bad»-Star Bryan Cranston gibt den millionenschweren Eigentümer der Continental-Studios, der immerzu fluchend und schimpfend über die Independent-Branche herzieht und Studioboss Matt zum braven Angestellten degradiert. So vorhersehbar das mitunter ist, entwickelt der flott erzählte Zehnteiler seine ganz eigene Ironie inklusive zahlreicher Fremdschäm-Momente und demontiert den auch in der Serie immer wieder bemühten Mythos vom kulturell wertvollen Hollywood-Film. Matt Remnick verkörpert den großen Widerspruch von Kommerz und Kunst, mit dem die US-Filmindustrie lebt und der immer zugunsten der Geschäftslogik aufgelöst wird. Wie sinnstiftend für dieses große Drama in Hollywood die Sehnsucht ist, Künstler sein zu wollen, während man es dann doch nicht sein darf, setzt diese Serie sehr unterhaltsam in Szene.
«The Studio» auf Apple TV+
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