»Bergdoktor« im ZDF: Der Urinbeutel ist ein Star

Wir wollten das nicht. Aber wir haben unseren Urlaub im Land des ZDF-»Bergdoktors« gebucht ...

  • Daniel Klaus
  • Lesedauer: 7 Min.
Endlos-Serie – »Bergdoktor« im ZDF: Der Urinbeutel ist ein Star

Mascha ist nach Tirol gezogen. Mascha ist Johannas Schwester und meine Schwägerin. Und da Blut dicker ist als Wasser und Familie wichtig, besuchen wir sie in ihrer neuen Heimat. Weil sie noch keine eigene Wohnung hat, sondern nur eine Art Dienstmädchenzimmer, haben wir eine Ferienwohnung in Ellmau gemietet.

»Ellmau«, sagt Katrin, eine Berliner Freundin. »Das ist doch beim Wilden Kaiser.«

»Stimmt«, sage ich.

»Da wird ›Der Bergdoktor‹ gedreht.«

Ich zucke ahnungslos mit den Schultern. »Kann sein.«

Der Wilde Kaiser ist ein Bergmassiv und der Namensgeber für die Region. »Der Bergdoktor« eine Fernsehserie, die bisher an mir vorbeigegangen ist. Bisher. Denn sie scheint hier ein Riesending zu sein. Unsere Gastwirtin hat uns zur Begrüßung eine 64-seitige Broschüre hingelegt: »Urlaub wie im Film. Zu Gast in der Heimat des Bergdoktors«. Ich blättere ein wenig darin herum. Es gibt eine große »Bergdoktor«-Runde zu den wichtigsten Drehorten. Es gibt eine Gruberhof-Runde. Es gibt eine Traktorfahrt, eine E-Bike-Erlebnistour, eine Segway-Filmtour, eine Winterwanderung und eine Pferdekutschenfahrt. Und das ist nur ein Auszug.

»Kennst du den ›Bergdoktor‹?«, frage ich Johanna.

»Nicht wirklich. Aber das wird sich mit diesem Urlaub wohl ändern.«

Am nächsten Tag steht eine Wanderung auf dem Programm. Mit dem ersten Licht brechen wir auf. Mascha hat sich freigenommen und spielt Fremdenführerin für uns. Sie ist ja jetzt eine Einheimische. Nachdem wir ordentlich Höhenmeter gemacht und sagenhafte Ausblicke genossen haben, erreichen wir in einer großen Schleife am Nachmittag Going, das Nachbardorf von Ellmau.

»Going«, sagt Johanna. »Geiler Name.«

»Going crazy«, sage ich.

»Going wild«, sagt Johanna.

»Easy Going.« Ich deute auf meine Füße, die in Trekkingschuhen stecken.

»Everything is Going fine.« Johanna zeigt auf ihre Schuhe.

»Ihr seid ganz schön albern«, sagt Mascha.

Sind wir, klar, aber wir haben unser Urlaubswort gefunden. Das ist immer ein kleiner Moment des Glücks. Manchmal finden wir es erst am Ende eines Urlaubs. Heute ist es uns wie eine reife Frucht in den Schoß gefallen. It’s Going. Es läuft bei uns. Auf dem Kirchplatz stoppen wir und Mascha schaltet in den Fremdenführerinnenmodus.

»Dort seht ihr eines der am meisten fotografierten Motive aus dem ›Bergdoktor‹: der Gasthof ›Wilder Kaiser‹. Hier werden alle Außenaufnahmen gemacht. Der Drehort für die Innenaufnahmen ist der Föhrenhof in Ellmau. Das ist in der Nähe eurer Unterkunft. Im echten Leben ist der ›Wilde Kaiser‹ übrigens kein Restaurant, sondern ein normales Wohnhaus.«

Abends gehe ich ins Internet, um mich zu informieren. Ein kurzer Blick zeigt: »Der Bergdoktor« ist ein Rabbit Hole, in dem man leicht verschwinden kann.

Außer uns sind nur vier weitere Touristen auf dem Kirchplatz. Es ist nicht viel los. Das wird die Kälte sein. Mein Bart ist von meinem Atem angefroren und knackt beim Reden. Johanna stellt sich vor den »Wilden Kaiser«, winkt mich in ihren Arm und wir machen Ussies. Mascha hätte uns natürlich auch fotografieren können, aber Ussies fetzen einfach mehr.

»If you’re going to San Francisco, don’t forget to put some flowers in your hair«, sagt Johanna und schürzt ihre Lippen zu einem Duckface.

»And if you’re going to Going, don’t forget to have some Bergdoktor in your heart«, sage ich.

Die Bilder schicken wir nach Berlin zu Katrin.

»Es gibt eine Frühlingssommergeschichte zu diesem Platz«, sagt Mascha, als wir mit der Fotografiererei fertig sind. »Die steht in keinem Reiseführer.«

Eine Frühlingssommergeschichte.

»Schieß los«, sagt Johanna.

»Sobald die Temperaturen es zulassen, sitzt hier ein alter Mann. Er wird von seiner Pflegerin an die Sonne geschoben. Sie parkt seinen Rollstuhl dort zwischen den Bänken. Manchmal sitzt er den ganzen Nachmittag da. An der linken Seite seines Rollstuhls hängt gut sichtbar sein Urinbeutel. Anfangs ist er leer. Mit dem Verstreichen der Zeit füllt er sich.«

Mascha macht eine kleine Pause.

»Er ist zufrieden, glaube ich«, sagt sie dann. »Er hält sein Gesicht in die Sonne und genießt, was von seinem Lebensabend übrig ist.«

Ich blicke mich um. In einem der Häuser wohnt er.

»Im Frühling und Sommer ist Hochsaison«, fährt Mascha fort. »Da sind nicht nur eine Handvoll Menschen auf dem Platz, sondern ganze Busladungen. Alle machen sie Fotos. Und er sitzt da. Mitten im Trubel. Sitzt da und hält sein Gesicht in die Sonne, während die Touristen ihn umspülen wie aufgeregte Fische.«

Ich sehe ihn vor mir. Das Pipi in seinem Urinbeutel ist bestimmt dunkelgelb. Alte Leute trinken ja immer zu wenig. So wie ich. Ohne ihn zu kennen, ist er mir sofort sympathisch.

»Er muss auf Tausenden von Fotos sein«, sagt Johanna.

»Sein Urinbeutel auch.«

Mascha nickt. »Ein Wunder, dass er noch nicht viral gegangen ist.«

»Photobombing without moving«, sage ich.

»Vielleicht hat er diesen Frühling seinen Durchbruch«, sagt Johanna.

»Ich hoffe nicht«, sagt Mascha. »Ich mag, dass er unter dem Radar fliegt.«

Abends in unserer Unterkunft gehe ich ins Internet, um mich über den »Bergdoktor« zu informieren. Ein kurzer Blick zeigt: »Der Bergdoktor« ist ein Rabbit Hole, in dem man leicht verschwinden kann, wenn man nicht aufpasst. Unter der halbwegs harmlosen Wikipedia-Oberfläche geht es ohne Vorwarnung rasant in die Tiefe. Fanclubs, Fanforen, Fantreffen, Fanfiction. Podcasts, Staffel-Synopsen, Merchandising. Und natürlich Fotos ohne Ende. Knapp fünf Millionen Zuschauer sehen im Schnitt eine »Bergdoktor«-Folge, lerne ich. Dazu kommen noch mal 2,5 Millionen Abrufe in der Mediathek.

Ich überschlage das kurz. Das sind mehr als hundert ausverkaufte Fußballstadien. Ich sehe das flache, dünnbesiedelte Brandenburg mit seinen riesigen ehemaligen LPG-Feldern vor mir. Und darauf die Fußballstadien.

»Johanna«, sage ich. »Über hundert Fußballstadien, bis zum Rand gefüllt mit ›Bergdoktor‹-Zuschauern. Bei jeder einzelnen Folge. Stell dir das mal vor.«

Johanna sieht von ihrem Buch auf. »Versuchst du mal wieder, die Welt mit Fußballanalogien zu begreifen?«

»Anders kann man die Welt doch nicht begreifen.«

Ich verbringe die halbe Nacht im Netz und beim Frühstück berichte ich Johanna von meinen Tauchgängen ins »Bergdoktor«-Universum. Auch wenn Mascha mit dem Kopf schüttelt und die Augen rollt, buchen wir die fünfstündige »Bergdoktor«-Winterwanderung. An jedem Drehort machen wir Ussies und schicken sie Katrin, die sie postwendend mit Ausrufezeichen und Herz-Emojis bestickert. Zum Abschluss kehren wir im Föhrenhof ein, wo es sehr leckere Käsespätzle gibt. Wir kaufen eine »Bergdoktor«-Tasse, einen »Bergdoktor«-Magnet und »Bergdoktor«-Pflaster. Weder Johanna noch ich haben bisher eine Folge des »Bergdoktors« gesehen, fühlen uns mittlerweile aber wie Experten.

nd.DieWoche – unser wöchentlicher Newsletter

Mit unserem wöchentlichen Newsletter nd.DieWoche schauen Sie auf die wichtigsten Themen der Woche und lesen die Highlights unserer Samstagsausgabe bereits am Freitag. Hier das kostenlose Abo holen.

An unserem letzten Abend läuft dann eine Folge im Fernsehen. Ich bin ganz aufgeregt. Bereits nach zehn Minuten muss ich jedoch feststellen, dass ich nicht zur Zielgruppe gehöre. Es springt kein Funke über. Mein Herz wird nicht entflammt.

Eigentlich war das klar. Es tut trotzdem weh.

Ich hätte ihn so gerne geliebt, den Dr. Martin Gruber. Es hört sich blöd an, aber ich komme mir vor wie ein Schwindler. Als hätte ich Gefühle vorgespielt, die es gar nicht gibt. Aber so ist es nicht. Da ist ja etwas.

Johanna spürt meine Zerrissenheit. »Hey«, sagt sie und streicht mir über den Arm.

»Warum ist Liebe manchmal so kompliziert?«, frage ich.

Im Fernsehen wird gerade der Gasthof »Wilder Kaiser« in Großaufnahme gezeigt. Johanna sieht auch zum Bildschirm.

»Every little thing is Going be alright«, zitiert sie leicht abgewandelt Bob Marley.
Ich denke an die Frühlingssommergeschichte und gebe Johanna einen Kuss. Sie hat recht. Every little thing is Going be alright. Bei Heimatfilmen gibt es schließlich immer ein Happy End.

Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.

Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.

Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.

Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!

Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:


→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.

Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.

- Anzeige -
- Anzeige -