Ägypten stoppte das Gaza-Feuer

Waffenstillstand vereinbart / Israels Opposition verlangt Verhandlungen statt »Eisenkuppel«-Politik

  • Oliver Eberhardt
  • Lesedauer: 3 Min.
In der Nacht zum Dienstag haben sich mehrere palästinensische Kampfgruppen mit Israel auf einen Waffenstillstand im Gazastreifen geeignet. Damit ist eine kurze, aber heftige Eskalation zu Ende gegangen, die mindestens 25 Palästinenser das Leben gekostet hat.

Es hatte so ausgesehen, als würden es lange, zähe Verhandlungen werden: Er hoffe, dass innerhalb von 48 Stunden ein Waffenstillstand vereinbart werden würde, aber man solle besser nicht den Atem anhalten, hatte Yasser Othman, der ägyptische Botschafter in den palästinensischen Gebieten, die Medien noch am Montagabend wissen lassen, während die israelische Luftwaffe weitere Ziele im Gaza-Streifen angriff und palästinensische Kampfgruppen mit Raketen antworteten. Doch dann ging alles ganz schnell: Schon kurz nach Mitternacht MEZ herrschte in der Region plötzlich Ruhe, und die Erklärung für die Eile ist simpel: Ägypten hatte mit der Einstellung der Benzin- und Öllieferungen in den Gaza-Streifen gedroht, und davon hängt in diesem dicht bevölkerten, infrastrukturell unterentwickelten Landstrich, in dem nichts ohne Auto geht, alles ab.

Mindestens 25 Menschen starben bei den israelischen Angriffen auf Ziele im Gaza-Streifen. Die etwa 220 Raketen, die auf Israel abgefeuert wurden, hatten keine Opfer zur Folge - ein Resultat des Abwehrsystems »Eisenkuppel«, welches jetzt erstmals in großem Stil zum Einsatz kam: Die Entscheidung, Zuhair al-Kaisi, den Anführer der Kampfgruppe Volkswiderstandskomitee, zu töten, sei auch im Vertrauen darauf gefallen, dass die »Eisenkuppel« die zu erwartenden Raketen von der israelischen Bevölkerung fernhalten würde, sagte Mosche Ja'alon, Minister für strategische Angelegenheit am Sonntag - und erntete dafür Kritik von der Opposition. Sie befürchte, das Abwehrsystem führe dazu, künftig noch stärker auf militärische Lösungen zu setzen, wo eigentlich Verhandlungen notwendig seien, erklärte die Vorsitzende der Arbeiterpartei, Schelly Jachimowitsch.

Doch die Angriffe der vergangenen Tage waren nicht nur ungewöhnlich kurz - sie machten auch deutlich, dass die beiden Erzfeinde derzeit kein Interesse an einer offenen Konfrontation haben. Nicht nur hielt Israel die Hamas, die den Gaza-Streifen regiert, heraus - auch die Hamas hielt sich heraus. Es seien keine Ziele der Organisation angegriffen worden, bestätigt ein Sprecher der Hamas-Regierung; Die Hamas habe sich an dem Raketenbeschuss nicht beteiligt, heißt es beim israelischen Militär. Minister Ja'alon erklärte zudem, es gebe derzeit keine Bestrebungen, die Regierung im Gaza-Streifen zu stürzen und gab die Formel aus: »Ihr schießt auf uns, wir schießen auf euch. Ihr schweigt, wir schweigen.«

Es werde zunehmend offensichtlich, dass sich der Blickwinkel der israelischen Regierung auf die Hamas geändert habe, sagt Amos Harel von der Zeitung »Haaretz«: »Aus israelischer Sicht geht die Gefahr nicht mehr von der Hamas aus, sondern eher von den kleinen und großen militanten Gruppen, die oft sehr viel radikaler als die Hamas sind.«

Und ein palästinensischer Journalist im Gaza-Streifen ergänzt: »Das Volkswiderstandskomitee, aber auch der Islamische Dschihad stellen zunehmend die Alleinherrschaft im Gaza-Streifen in Frage; es gibt einen Machtkampf, in dem die Hamas derzeit die Oberhand behält, weil die Menschen kriegsmüde sind und die Organisation für Stabilität sorgt. Die Zerstörung Israels ist eben für viele Leute hier nicht das allererste Thema.«

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