Mehr Obdachlose suchten Schutz
Berliner Kältehilfe zog Bilanz / Ausbau der Notunterkünfte nötig
Die Sonne scheint. Kaum einer möchte schon an den nächsten Winter denken. Anders bei den Berliner Notübernachtungen. »Für die nächste Saison brauchen wir dringend von Anfang an ein ausreichendes Angebot an Übernachtungsplätzen«, forderte Susanne Kahl-Passoth, Direktorin des Diakonischen Werkes Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (DWBO), gestern in der Notübernachtung Franklinstraße. In der am 31. März endenden Kältehilfesaison wurden seit 1. November 69 500 Übernachtungen gezählt. Das waren rund 10 000 mehr als noch im Jahr zuvor.
Jedes Jahr nehme die Zahl der Hilfesuchenden konstant zu. Die Gründe seien vielfältig. Zum einen wachse die Kluft zwischen Arm und Reich immer mehr, zum anderen sei die Entwicklung auf dem Wohnungsmarkt in der Stadt ebenfalls dafür verantwortlich. »Außerdem sind in den letzten Jahren mehr Migranten aus Osteuropäischen Ländern hinzugekommen«, erklärte Johannfried Seitz-Reimann vom Kältehilfetelefon.
17 Notübernachtungen freier Träger und 19 überwiegend von evangelischen und katholischen Kirchengemeinden betriebene Nachtcafés stellten täglich 475 Menschen einen Schlafplatz zur Verfügung. Durchschnittlich waren die Plätze mit 115 Prozent dauerhaft überbelegt. »In einzelnen Einrichtungen, wie in der Lehrter Straße, betrug die Überbelegung 200 Prozent«, weiß Susanne Kahl-Passoth. Zwar habe der Senat in den kalten Januartagen Finanzmittel für weitere 100 Plätze bereit stellen können, die kamen jedoch zu spät. »Die Einrichtung neuer Übernachtungsplätze braucht einen gewissen organisatorischen Vorlauf«, so Kahl-Passoth. Für die nächste Kältesaison müssten rechzeitig die nötigen Mittel für ein weiteres zentral gelegenes Angebot geschaffen werden. Große Nachfrage gab es in den Bezirken Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg.
Dass das Berliner Kältehilfesystem ansonsten gut funktioniere, sei unter anderem daran zu erkennen, dass im letzten Winter »nur« ein Obdachloser an den Folgen der Kälte gestorben ist. Trotzdem »ist jeder erfrorener Mensch, ein Mensch zu viel«. Dank des ehrenamtlichen Einsatzes wurde trotz Überbelegung kein Obdachloser zurückgewiesen, lobte Kahl-Passoth. Insgesamt haben sich in den letzten fünf Monaten mehr als 70 Träger von Projekten und Angeboten in ganz Berlin für Wohnungslose engagiert.
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