Weit gereist im Dienste der Frau

Lebenswerk von Soziologin Renate Rott gewürdigt

  • Nino Ketschagmadse
  • Lesedauer: 3 Min.
Mit dem in Deutschland höchst dotierten Preis für Frauenforschung, dem Brentano-Preis, ehrt die Freie Universität Berlin die Soziologieprofessorin Renate Rott für ihr Lebenswerk, das untrennbar mit Lateinamerika verbunden ist.
Am Anfang dieser Liebesbeziehung steht ein Päckchen aus dem fernen Ekuador. Mit drei Jahren Verspätung, als die Post nach Ende des Zweiten Weltkriegs wieder arbeitete, kam es an. Da war der 1933 emigrierte Patenonkel, der ihrem Bruder eine kleine Freude bereiten wollte, bereits tot und der eigentliche Empfänger für die Geschenke bereits zu erwachsen. Für Renate Rott, damals elf Jahre alt und gerade vom Sudetenland in eine hessische Kleinstadt evakuiert, verkörperten die Spielsachen dagegen gleich eine faszinierende Welt. Über den Umweg USA - wo sie ein Jahr lang jobbte, um das Geld für die Reise zusammenzubekommen - kam sie Anfang der 60er Jahre dann zum ersten Mal selber nach Ekuador, wobei sie nicht ahnte, dass dieser Trip ihren Lebensweg so nachhaltig bestimmen würde und ihre untrennbar mit Lateinamerika verbundenen, alsbald startenden Projekte und Maßnahmen zu Frauenförderung und -forschung eines Tages mit der in Deutschland auf diesem Gebiet höchst dotierten Auszeichnung, dem mit 11000 Euro verbundenen Brentano-Preis, bedacht werden würde. Während der Laudatio »Wider fesselnde Tradition« zu der - vergangenen Mittwoch von der Freien Universität Berlin übergebenen und nach der 1995 verstorbenen streitbaren Philosophieprofessorin Margherita von Brentano benannten - Ehrung erinnerte sich Renate Rott an ihren bei jener Reise gefassten Entschluss, Soziologie zu studieren. Auf Feldern habe sie schuftende Indianer und mit Peitschen, in die zu allem Übel noch kleine Steine eingearbeitet waren, bewaffnete Aufseher gesehen. Beobachtungen, die in ihr »Zorn und Drang nach Veränderung« auslösten. So schrieb Renate Rott ihre Diplomarbeit über notwendige »Agrarreformen« in Ekuador. Mitte der 70er Jahre forschte sie in Kolumbien und Mexiko, ehe sie für drei Jahre als Gastprofessorin im ärmsten Teil von Brasilien an die Universidade Federal do Ceará ging. Bewusst hatte sie sich für »die Provinz« entschieden, in der sie weitere traurige Eindrücke mit den Themen Ohnmacht und Ausbeutung sammelte, die schließlich mit eine Grundlage ihrer vielen Arbeitsfelder wie Gewerkschaftsbewegung, Industrialisierung, Frauenarbeit im Entwicklungsprozess, Arbeitsemigration, Familienformen und Geschlechterbeziehungen werden sollten. Bei allen Forschungstätigkeiten fand sie es aber immer am wichtigsten, »kluge, junge Frauen zu suchen und sie mit Projekten zu fördern«, wie seinerzeit in Brasilien, als sie zahlreichen Frauenforscherinnen ermöglichte, einige Monate in der »europaweit besten«, in Berlin ansässigen Iberoamerikanische Bibliothek zu arbeiten. 1981 wurde die zierliche Frau Professorin für Soziologie am Lateinamerika-Institut der FU. Aus außeruniversitären Treffen mit ihren Studentinnen entstand quasi nebenbei die »Frauen- und Geschlechterforschung in außereuropäischen Gesellschaften« mit dem Schwerpunkt Lateinamerika, welche die Wechselbeziehung zwischen Modernisierung und Geschlechterverhältnissen thematisieren sollte. Mit dem Überbegriff »Frauen in Ländern der dritten Welt« wurden dabei die Aspekte Migration, Exil, Emanzipation, Frauenförderung in der Entwicklungszusammenarbeit oder Geschlechterverhältnisse und politische Kultur zusammengefasst. Auch bei der Gründung des seit 1983 an der FU bestehenden Editionsprogramms Ergebnisse der Frauenforschung, das bisher mehr als 50 Titel (Disserationen und Habilitationsschriften) publizierte, wirkte sie maßgeblich mit. Als Studentin hatte Renate Rott an der FU noch deren erste Vizepräsidenten, die Patin des Brentano-Preises - »eine sehr vorzeigenswerte, unangepasste und politisch aktive Frau« - kennen gelernt. Ihr Vater war bis 1933 Botschafter im Vatikan. So hat sie viel von den Machenschaften im Nationalsozialismus mitbekommen, insbesondere von der Schuld der Kirche. Zu ihrem Vorbild machte sie Brentano dennoch nicht, trotz eines ähnlichen Engagements für Gerechtigkeit in der Welt. Seit gut zwei Monaten ist Renate Rott nun emeritiert. Als erstes habe sie eine lange Liste gemacht, Dinge notiert, die ihr nun ganz besonders wichtig sind. Vor allem ihre sieben Patenkinder aus fünf verschiedenen Ländern sollen nicht mehr zu kurz kommen. Und mit dem Preisgeld will sie neben einer Tagung den Ausbau einer Datenbank über Frauenforschung in Lateinamerika finanzieren.

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