Geschichten aus Wien zum Totlächeln

Feuilletonistische Kostbarkeiten wiederentdeckt: der »Kaffeehaus-Frühling« von Joseph Roth

  • Günther Schwarberg
  • Lesedauer: 2 Min.
Lange vor seinen Meisterwerken, dem Radetzkymarsch und der Kapuzinergruft, lange bevor man ihn als Juden aus Wien vertrieb, sozusagen eine Welt vorher, beschrieb der junge zugewanderte Galizier Joseph Roth das einfache Leben in Wien. Und jetzt hat der fünfzig Jahre jüngere Wiener Schriftsteller Helmut Peschina diese kleinen Feuilletons von 1919/1920 in einem liebenswerten Taschenbuch herausgegeben und dadurch für uns neu entdeckt: »Kaffeehaus-Frühling«. Nach Kaffeehaus schmecken die Geschichten, wenn »Josephus« über den »kleinen Sacher« schreibt, den Würstelverkäufer in der Praterstrasse, und beim »Weissgeld-Tschecherl« in der Bankengasse wertlose ungarische Revolutionsbanknoten schwarz umtauscht in österreichische Kronen. Kaffehaus-Frühling der kleinen Schieber, der ältesten Wienerin mit hundert Jahren in der Kalvarienberggasse, der Clowns und Schlangenbändiger im Artistencafé in der Praterstrasse. Für Joseph Roth, den Monarchisten, war die Welt zwar nicht ganz mehr in Ordnung nach dem Untergang des österreich-ungarischen Kaisertums, aber trotz der Sozis wenigstens gerettet vor der kommunistischen Räteregierung des Revolutionärs Bela Kun. Zwanzig Jahre später, 1938, als Hitler Wien bedrohte, hielt dieser Joseph Roth die Rückkehr der Habsburger für die einzige mögliche Rettung Österreichs. Aber die kam nicht, und die von Josephus beschriebene Idylle wurde zum »Hexensabbat des Pöbels«, so hat es Carl Zuckmayer erlebt, zum »Weltuntergang«. Und Joseph Roth hat noch miterlebt, was die Nazis mit den liebenswürdigen Wienern taten: »Im Hause Obere Donaustraße 67 in Wien wurde ein zweiundsiebzigjähriger Jude gezwungen, eine Feuerwehrleiter zu erklettern, den Schlauch in der linken Hand, die rechte an der Leiterstange. "Feuerprobe" nannten es die SA-Männer.« Das war erst der Anfang, Roth starb gnädig früh, 1939, lange bevor zum Beispiel der »Steinhof« nicht mehr »die Gartenstadt der Irrsinnigen, Zufluchtsort an dem Wahnsinn der Welt Gescheiterter, Heimstätte der Narren und Propheten« ist, die er interviewt hat in ihrer Wahnwelt, sondern die Stätte ihrer Vernichtung durch Verhungernlassen und Giftspritzen. Und was er über »die Juden von Deutsch-Kreuz« geschrieben hat, ein winziges Dorf im ungarisch-österreichischen Grenzgebiet, sie seien »von der christlichen Bevölkerung sehr geschätzt«, und »die meisten leben und sterben, wo sie geboren sind«, galt nicht mehr. Denn die »christliche Bevölkerung« war über sie gekommen und ließ keinen dieser Juden mehr leben, wo er geboren war, sondern sterben im weit entfernten Majdanek oder Auschwitz. Helmut Peschina sei bedankt, dass er die zerstörte Welt des Kaffehaus-Frühlings in diesem Buch ein wenig wiederherstellt. Joseph Roth: Kaffeehaus-Frühling. Ein Wien-Lesebuch. Herausgegeben von Helmut Peschina. Kiepenheuer & Witsch. 208Seiten, Broschur, 17,90DM.

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