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  • Politik
  • Winterblume von Kadir Sözen

Road-movie in Molltönen

  • Hans-Günther Dicks
  • Lesedauer: 3 Min.

Von Kameramann Franz Rath kennt man die wenig anheimelnden, düsteren Bilder aus Margarethe von Trottas »Bleierne Zeit« und »Das Versprechen«, von dem in Köln lebenden türkischen Regisseur Kadir Sözen einen Film über ein paar türkische Knirpse, die als Straßenmusiker groß herauskommen wollen und dabei auf einen windigen »Manager« hereinfallen. »Kalte Nächte« hieß Sözens Erstling, und auch sein neuer Film trägt Düsterkeit und Kälte schon im Titel. Man ist also vorbereitet. Mit »Mach'

dir ein paar schöne Stunden...« und schlichtem Kinovergnügen zum »Reinziehen« wird es hier nichts werden. Sözen will unter die Haut, will verstören, auf- und wachrütteln, den Finger in die Wunde seines Gastlandes legen.

Die Wunde heißt Ausländerrecht und wann immer (und in immer kleineren Randmeldungen) davon in den Medien die Rede ist, zu Vergnügen oder Heiterkeit gibt es nie Anlaß. Das einst so noble Asylrecht verdient längst den Namen nicht mehr, und das Wort »Gastarbeiter« war immer schon ein Euphemismus, der eines Josef Goebbels würdig wäre. Ein lautes Ja also zu Sözens Anliegen, die unheilvolle Abschiebepraxis hierzulande

als bürokratisch und inhuman zu brandmarken, ein noch lauteres zu seiner Darstellung der zynisch raffgierigen Schlepperbanden, die von solcher Praxis leben wie die Maden vom Speck. Aber muß es denn gar so melodramatisch sein, so klischeebeladen und versimpelt, als hätte er einen der 50Pfg-»Schicksalsromane« verfilmt?

Es muß nicht, und Sözen selbst beweist es in den Szenen, die seinen Helden Mehmet daheim auf einer Baustelle zeigen, wo er sich, wegen abgelaufener Aufenthaltserlaubnis aus Köln in die Türkei abgeschoben, das Geld für die Rückkehr zu seiner in Deutschland gebliebenen Frau verdienen will. Ausbeuterische Chefs,

miese Arbeitsbedingungen und Elend gibt es hier wie dort, Sözen zeigt sie schlicht und unaufdringlich. Mehmets Klage auf Wiedereinreise in die BRD ist vorerst gescheitert, also bleibt ihm nur der Weg zum Schlepper, für den er sich - erste der sich nun häufenden Ungereimtheiten und Regie-Platitüden - gleich am ersten Tag in einem neuen Job das Geld aus der Brieftasche eines Gastes klaut.

Über Mehmets weiteren Leidensweg, Stationen Bulgarien, Ungarn und die Gipfel der Alpen, muß mehr nicht gesagt werden, und ein Happyend erwartet wohl niemand. Doch statt den Darstellern Raum zur Ausgestaltung ihrer Figuren zu lassen, hetzt Autor und Regisseur Sözen sie durch immer neue, oft nur angespielte Episoden, als wär's ein »road movie«. Allerdings eines, das vor lauter Tragik und schwermütiger Bildsymbolik nicht vom Fleck kommt, weil man seinen Weg schon beim Start vorhersieht.

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