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Kennen Gurkhas keine Tränen?

  • Lesedauer: 3 Min.

Ehemaliger Gurkha: Auch Major Rai, heute in Kathmandu lebend, diente bei den Briten

Foto: König

Gurkha-Angehöriger eines britischen Bataillons-auf dem Weg nach Pristina

Foto: Reuters

von Jallianwala Bagh, als im Punjab über 1000 Demonstranten wie Hunde abgeknallt wurden, spielten sie unter dem Kommando des berüchtigten englischen Kommandeurs Dyer eine unrühmliche Rolle. Viele Aufstände außerhalb Indiens konnte die britische Kolonialmacht nur mit Hilfe der Söldner aus Nepal niederschlagen. Im ersten und im zweiten Weltkrieg standen auf Seiten Londons jeweils 200 000 Gurkhas in der vordersten Front. Insgesamt über 40 000 ließen dabei ihr Leben.

Nach Erlangung der Unabhängigkeit Indiens durften 1 sich die Gurkha-Soldaten laut Übejr4ink~unft zwischen Nepal, Britannien und Indien entscheiden, welcher Armee sie künftig zur Verfügung stehen wollten. Etwa zwei Drittel votierten für Indien, ein Drittel für Großbritannien. England reduzierte im Laufe der Jahrzehnte allmählich den Anteil der Nepaler auf jetzt ungefähr 2000 Mann. Sein letztes größeres Kontingent zog es ab, als 1997 Hongkong wieder zum chinesischen Mutterland zurückkehrte. Nur der steinreiche Sultan von Brunei läßt sich seine Sicherheit von 1 Gurkha-Kommandos garantieren. Den Gurkha-Anteil in den Streitkräften Indiens schätzt man auf 150 000 Mann. In seinen Kriegen mit Pakistan 1948,1965 und 1971 setzte Indien die Gurkhas als Elitetruppen ein, und

auch 1987/88 bei seiner »Peace Keeping Mission« im Norden Sri Lankas wollte Indien auf sie nicht verzichten.

Major Rai, 59 Jahre alt, tritt uns als Gurkha entgegen, wie er im Buche steht: klein, drahtig, muskulös, mit kräftigem Händedruck, sparsamen Gesten und präzisen Formulierungen. 1994 quittierte er nach 36 Jahren seinen Dienst in der britischen Armee. Sein Heimatdorf liegt am Mount-Everest-Massiv Doch nach seiner Rückkehr kaufte er sich von den Ersparnissen in Kathmandu ein Haus und lebt seitdem als Rentner von der britischen Pension. Im Gespräch poliert er nicht am Glorienschein der Gurkhas, sondern bemüht sich um ein ausgewogenes Bild. »Ja, ein besonderer Schlag sind wir Menschen aus den Bergen schon, von Haus aus an harte Lebensbedingungen gewöhnt, deshalb physisch besonders stark und belastbar Das zeigt sich bereits bei den Tests zur Rekrutierung und später bei der Ausbildung und im Einsatz. Gurkhas eignen sich besonders für die Infanterie, als Pioniere, Panzerbesatzungen, beim Transport, Minenräumen und in der Kommunikation«, sagt der ehemalige Offizier. Von 1990 bis 1993 war er bei der Royal Airforce in Gütersloh stationiert.

Seinen letzten Einsatz hatte Rai im Falkland-Krieg. Er erzählt: »Da kursierten eine Menge Gerüchte über uns, gera-

dezu Greuelmärchen. Wir würden das Herz Gefangener essen. Der kolumbianische Nobelpreisträger Gabriel Garcia Marquez beschrieb uns als Schlächter Mit den Kukris würden wir den Feinden die Köpfe absäbeln. Alles zwar Quatsch, aber dennoch für uns hilfreich. Es schreckte den Feind ab. Wir ließen ein paar gefangene Argentinier entkommen, die der anderen Seite berichteten, unser Sturmangriff stehe unmittelbar bevor Am nächsten Tag hatten die Gegner ihre Stellungen heimlich geräumt.«

Wir erfahren, daß die Bergsoldaten der Queen nur einen bestimmten Dienstgrad erreichen können - Gurkha-Oberst. Davon gibt es jetzt zwei bei den Briten. Die Inder sind bedeutend großzügiger Die Friedenstruppen in Sri Lanka befehligte Generalleutnant Amarjit Kalkat. Und der legendäre Sam Manekshaw, Held des Krieges von 1971, war gar Feldmarschall. Die Gurkha-Soldaten seien schon froh, daß sie seit 1997 wenigstens in gleicher Höhe wie die englischen Kameraden besoldet werden, meint Rai.

Der ehemalige Major stammt aus einer Familie mit Gurkha-Tradition. Stolz verweist er auf das Kästchen an der Wand des Wohnzimmers, in dem die Kampfauszeichnungen seines Vaters hängen. Und die Söhne? Unser Gesprächspartner lacht: »Die Zeiten ändern sich. Beide engagieren sich in England in der Friedensbewegung!«

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