»Wir sollten Kim Jong Un ernst nehmen«

Professor Rüdiger Frank über Nordkoreas Säbelrasseln und die Gefahr eines neuen Koreakrieges

  • Lesedauer: 3 Min.
Rüdiger Frank ist Professor für Wirtschaft und Gesellschaft Ostasiens an der Universität Wien. 1969 in Leipzig geboren, studierte er Koreanistik, Ökonomie und Internationale Beziehungen an der Berliner Humboldt-Universität. Mit dem Korea-Experten sprach für »nd« Ralf Hutter.

nd: Die nordkoreanische Regierung hat von einem atomaren Erstschlag gegen die USA gesprochen. Das wird von Experten als Säbelrasseln bezeichnet, denn Nordkorea sei dazu technisch gar nicht in der Lage. Wie sehen Sie das?
Frank: Ich halte diese Fragestellung für völlig nutzlos. Letztlich könnte eine solche Infragestellung seiner Fähigkeiten durch den Westen von Nordkorea als eine Aufforderung verstanden werden, noch mehr zu entwickeln, damit man ihnen endlich glaubt. Nordkorea hat im Februar den dritten Atomtest vollzogen, der nach Einschätzung aller Experten auch erfolgreich verlaufen ist. Es hat im Dezember eine dreistufige Rakete ins Weltall schießen können. Da scheinen also einige Fähigkeiten vorhanden zu sein. Ich möchte nicht derjenige sein, der sagt: »Ihr könnt das ja nicht«, und am Ende wird man dann eines Besseren belehrt. Also man sollte das schon ernst nehmen.

Haben Sie Verständnis dafür, wenn Kim Jong Un im europäischen und amerikanischem Raum als verrückt bezeichnet wird? Wie verrückt ist dieser Mann?
Ich habe dafür kein Verständnis. Der ist genau so verrückt oder nicht verrückt, wie Politiker bei uns. Er ist zweifellos ein Diktator, der keine demokratische Legitimation hat und der einen Personenkult fördert, der bei uns ungewöhnlich ist. Aber ich glaube, er tut als Diktator in Nordkorea das, was man von ihm auch erwarten würde. Etwas verrücktes sehe ich da nicht, sondern eher etwas, das nicht mit unseren Vorstellungen übereinstimmt.

USA hin oder her - Südkorea hat jetzt »Truppenübungen von beispielloser Intensität« in Nordkorea wahrgenommen. Findet also doch militärisch etwas statt?
Ich halte diese Truppenübungen für absolut gefährlich. Bei Militärmanövern kann immer etwas schief gehen - je größer sie sind, um so größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Panzerfahrer mal die Richtung verwechselt, oder ein Pilot sich um zehn Kilometer irrt. Das kommt sehr häufig vor und könnte in der jetzigen Situation zu Gegenmaßnahmen führen, die wiederum zu Gegenmaßnahmen führen und dann hat man am Ende die Eskalation, die keiner haben möchte.

Nordkorea unterstellt seinerseits Südkorea und den USA, einen Nuklearangriff vorzubereiten. Ist das ernst gemeint?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass Südkorea und die USA einen Atomangriff vorbereiten. Da die USA aber über das Potenzial verfügen, fühlt sich Nordkorea bedroht. Das finde ich durchaus nachvollziehbar.

Nun hat Nordkorea jedenfalls ein Friedensabkommen mit Südkorea für nichtig erklärt. Werden dem praktische Schritte folgen?
Das war ein Waffenstillstandsabkommen, kein Friedensabkommen. Ich glaube, das ist eher ein Signal, dass man jetzt endlich eine endgültige Lösung des Koreakrieges haben möchte, ein Friedensabkommen auch mit den USA. Ich glaube nicht, dass das jetzt eine unmittelbare Folge haben wird.

UNO-Sanktionen gegen Nordkorea gab es bereits, sie wurden jetzt wegen der Atomtests verschärft. Welche Auswirkungen wird das auf Regierung und Bevölkerung haben?
Es wird wehtun, und jede Sanktion im wirtschaftlichen Bereich schmerzt zuerst die Schwächsten. Es gibt auch Sanktionen, die den Import von Luxusgütern betreffen - aber da wird es relativ schwer sein, den Schmuggel über die chinesische Grenze zu verhindern. Ich kann zwar sehr gut nachvollziehen, dass der UNO-Sicherheitsrat reagieren wollte und musste. Aber was die Wirksamkeit der Sanktionen angeht, bin ich eher pessimistisch. Sie werden nicht zu einem grundlegenden Wandel der nordkoreanischen Politik führen.

Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.

Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.

Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.

Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!

Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:


→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.

Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.

- Anzeige -
- Anzeige -