Zwangsernährung in Guantanamo
Immer mehr Hungerstreikende im berüchtigten US-amerikanischen Gefangenenlager
39 Männer sollen im berüchtigten Gefangenenlager Guantanamo inzwischen die Nahrungsaufnahme gänzlich verweigern. Das sind erneut zwei mehr als vor dem Wochenende. Falls die Pentagon-Angaben zutreffen, verweigern damit ein Viertel der verbliebenen 166 Gefangenen die Nahrungsaufnahme. US-amerikanische Anwälte, die die Insassen besuchen oder mit ihnen telefonieren, geben allerdings weitaus höhere Zahlen an. Ihren Angaben zufolge befindet sich fast das gesamte »Camp 6«, in dem bis vor Kurzem 130 Insassen festgehalten wurden, im Hungerstreik. Das wäre die übergroße Mehrheit aller Guantanamo-Gefangenen.
Anlass für den Hungerstreik war laut einigen Anwälten Anfang Februar eine Entscheidung der Militärführung des Lagers, die Korane auf »verdächtige Inhalte« zu durchsuchen. Wie David Remes in der »Washington Post« bestätigte, habe es sich anfangs tatsächlich um einen religiös motivierten Protest gehandelt. Aber der habe sich ausgedehnt. Inzwischen gehe es den Männern darum, freigelassen zu werden: »Diese Männer, einschließlich einige meiner Klienten, sagen ganz offen, dass sie Guantanamo demnächst verlassen wollen - lebend oder in einem Sarg.«
Die Beweggründe sind dem Militär, dem Weißen Haus und den Politikern im Kongress durchaus bekannt. General John Kelly, der Leiter des U.S. Southern Command, sagte beispielsweise gegenüber dem Streitkräfteausschuss vor einer Woche, die Häftlinge hätten »darauf gehofft, das Guantanamo geschlossen wird«. Sie seien »am Boden zerstört« gewesen, als Präsident Obama davon Abstand nahm. Tatsächlich sagte Barack Obama weder bei seiner Amtseinführung noch kurz darauf in seiner Rede an die Nation etwas zu Guantanamo. Die Washingtoner Stelle, die die Schließung des Lagers ursprünglich einfädeln sollte, war vom Kongress trockengelegt worden. Aber auch die Obama-Regierung befürchtet von einer neuen Initiative zur Schließung nur politische Unannehmlichkeiten. Deshalb wird der illegale Status quo aufrechterhalten.
Laut den aktuellen Pentagon-Angaben werden inzwischen elf Gefangene zwangsernährt. Diese Maßnahme setzt das gewaltsame Festzurren des betroffenen Häftlings voraus. Danach wird ein Schlauch solange in ein Nasenloch eingeführt, bis er im Magen angekommen ist und Flüssignahrung eingepumpt werden kann - alles gegen den Willen des Hungerstreikenden. Das Militär bezeichnet diese Methode als lebensrettende Maßnahme. Tatsächlich soll sie aber dazu dienen, den Willen des Hungerstreikenden zu brechen - etwa durch das Rütteln des Einfuhrschlauchs vor dem Magentrakt, was extreme Schmerzen verursacht. Weitere »gesetzliche« Versuche, den Hungerstreik zu brechen, sind etwa die Verweigerung von Wasser oder die extreme Abkühlung der Aufenthaltsräume über die Klimaanlage. Das Kalkül des Militärs: Man will den kaum zu ertragenden Alltag der Häftlinge noch unerträglicher machen, um wieder Herr der Lage zu werden.
Das Gefangenenlager auf dem US-Stützpunkt auf Kuba gibt es seit 2002. Von den noch inhaftierten 166 Männern gelten weniger als 20 als »Sicherheitsrisiko« für die USA. Bei der Mehrzahl handelt es sich um Menschen, die den US-Militärs in Afghanistan als Terroristen verkauft wurden. Viele waren einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. 86 Gefangene sollten auf eine Empfehlung der USA-Regierung hin vor drei Jahren bereits freigelassen werden. Präsident Obama ordnete vor zwei Jahren mit einer Präsidentialverfügung an, dass Gefangene ihre Freilassung beantragen könnten. Aber auf bürokratischer Ebene ist nichts dergleichen erfolgt.
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.