Postwachstumsgesellschaft sucht neue Unternehmer
Nachhaltig ausgerichtete Startups könnten die Politik zum Umdenken zwingen
nd: Was interessiert Sie als Wachstumskritiker an der Startup- und Gründerszene?
Paech: Ich möchte gerne erfahren, wie viele der Unternehmer mehr wollen, als nur ein gutes Auskommen für sich selbst zu finden, oder Profite zu maximieren. Ich frage mich, ob sie verstanden haben, dass es heute neue Herausforderungen an Unternehmen gibt, wenn wir eine sozial gerechte und nachhaltige Ökonomie gestalten wollen. Viele Unternehmen sind in diesem Sinne nur noch Teil des Problems. In einer Postwachstumsökonomie brauchen wir andere Unternehmen. Das ruft die Entrepreneure auf den Plan.
Was macht diese neuen Unternehmen aus?
Sie werden keine großen Konzerne oder Aktiengesellschaften sein, sondern Unternehmensformen, die sich an demokratischer Entscheidungsfindung, an der Regionalökonomie, am Genossenschaftswesen und vor allem an Formen des solidarischen Wirtschaftens orientieren. Bei solidarischen oder demokratischen Unternehmensformen wie Genossenschaften, können wir über die Verwendung der Profite reden und diese etwa so einsetzen, dass Konsumenten befähigt werden, zukünftig weniger zu benötigen und zu kaufen. Das nenne ich subversive Betriebswirtschaftslehre. Wenn ich ein weiteres Buch schreiben sollte, wird es sich mit Unternehmertum unter den Bedingungen der Postwachstumsökonomie beschäftigten. Und mit Versorgungsformen, durch die wir uns unabhängig von Unternehmen machen. Einen Teil der Versorgung können die Menschen selbst übernommen.
Hat die Startup-Szene auch einen politischen Stellenwert?
Wir könnten eine neue Bewegung erleben: Menschen, die mit der bisherigen Form des Wirtschaftens nicht mehr einverstanden sind und deshalb Alternativen entwickeln, etwa in Form von Startups. Wenn sie sich vernetzen, um eine Bewegung zu bilden, kann das politischen Druck erzeugen. Beispielsweise könnten junge Menschen nicht nur Forderungen stellen, sondern diese durch Unternehmensgründungen umsetzen. Etwa indem sie als Unternehmer oder Unternehmerin sagen, wir wollen weder dicke Subventionen noch hohe Profite, sondern gerechtere Arbeitszeitmodelle und gerechtere Besteuerung. Das wäre eine brutale Irritation für die politischen Parteien. Denn wenn sich Unternehmertum plötzlich für soziale Bedingungen und nachhaltiges Wirtschaften einsetzt, würden bestimmte politische Strukturen wahrscheinlich wie ein Kartenhaus zusammenbrechen. Es sind schließlich alle Parteien, bis auf die LINKE, die irgendwie immer weiter die Interessen der klassischen Unternehmen bedienen.
Sie benutzen kein Handy, fliegen nicht mit dem Flugzeug - plädieren Sie für Konsumverzicht?
Keineswegs, da werde ich oft falsch verstanden. Ich plädiere nicht für Verzicht, sondern für Befreiung vom Überfluss. Menschen mit Hartz-IV-Leistungen kann man nicht mit Verzicht kommen. Aber die Mehrheit der Menschen in den europäischen Gesellschaften lebt in einem Reichtum, den wir überhaupt nicht mehr vertreten können, wenn wir ökologische Grenzen ernst nehmen. Da sehe ich Entrümpelungspotenzial. Ich plädiere für eine Befreiung vom Ballast, es geht um Reduktion, nicht um Verzicht. Verzicht ist die schmerzhafte Spielart der Reduktion, die ist nicht gemeint.
Wie sieht das Arbeitsmodell in einer Postwachstumsgesellschaft aus?
Wir brauchen duale Existenzen, das sind Beschäftigungsverhältnisse, in denen wir nicht mehr 40 Stunden, sondern vielleicht 20 Stunden arbeiten. Die anderen Stunden nutzen wir für kreative oder urbane Existenzarbeit, dabei geht es um Eigenproduktion und Nutzungsdauerverlängerung. Das setzt faire Löhne und Mindestlohn voraus, denn wir müssen den Menschen diesen Freiraum ermöglichen.
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