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  • Politik
  • Hans Otto -Ausstellung und Preis erinnern an den Schauspieler und Antifaschisten

Ein Mann von seltener Art - nicht käuflich

  • Hendrik Lasch
  • Lesedauer: 3 Min.

Idealbild des jugendlichen Bühnenhelden - so beschreiben Zeitzeugen den Schauspieler Hans Otto. Den Prinzen von Homburg gab der Darsteller, dem große Statur und charismatische Ausstrahlung eigen waren, mit ebenso großer Überzeugungskraft wie den Ferdinand oder den Egmont. Stationen seiner kurzen Bühnenkarriere waren Frankfurt (Main), Hamburg, Berlin. Otto, der im Jahr 1900 in Dresden geboren wurde und dort mit Erich Kästner zur Schule ging, galt als einer der talentiertesten Theaterschauspieler der 20er Jahre. Weil er nur in einem einzigen Film mitwirkte, sind die lebendigsten Zeugnisse seiner Darstellungskunst die Bühnenfotos und Porträts. Sie zeigen: klare Augen, eine hohe Stirn, einen stolzen, selbstbewussten Blick.

Der Anblick, den Otto in den Tagen vor dem 24. November 1933 geboten haben muss, hatte damit nicht mehr viel zu tun. Eine »blutige Masse« sei aus dem schönen Gesicht geworden, erinnert sich ein Freund, nachdem der Schauspieler in einem Berliner SA-Lokal neun Tage lang geprügelt und gefoltert worden war. Nach einem gewaltsamen Sturz aus dem Fenster starb er heute vor 67 Jahren an einem doppelten Schädelbruch. Die SA sprach von Selbstmord, offizielle Stellen hielten den Tod geheim. Der bekennende Kommunist Otto, der seit 1924 Mitglied der KPD war und sich in der Roten Hilfe engagierte, gilt als der erste Künstler, den die Faschisten ermordeten.

Otto habe sich nicht aufsein Talent ver lassen wollen, weil Talent zu leicht käuflich schien, schrieb Bertolt Brecht im Dezember 1933 in einem Brief an Heinrich George, in dem er sich besorgt nach dem Verbleib des Schauspielers erkundigte. Er endet mit dem viel zitierten Satz: »Er ist ein Mann von seltener Art - nicht käuflich!« Eine Reproduktion des Textes findet sich auch in einer Ausstellung, die noch bis zum 20. Dezember in den Räumen der PDS-Fraktion im Dresdner Landtag gezeigt wird. Die Exposition, die vom Berliner Antieiszeitkomitee zusammengestellt und vom Dresdner Kulturverein »Kleine Freiheit« um wertvolle Briefe ergänzt wurde, macht augenfällig, warum Otto »von seltener Art« war. In Theaterprogrammen, Szenenfotos, Briefen und Dokumenten dokumentiert sie auch sein Engagement in der Gewerkschaft RGO für die sozialen Belange seiner Schauspielerkollegen, sein Faible für Theater spielende Arbeiter, seine starke Orientierung auf das Publikum, die sich in einem Ausspruch, der Anspruch zugleich ist, kristallisiert: »Das Gesicht zu den Massen!«

Daran erinnert zu werden, tut not: Der Schauspieler droht in Vergessenheit zu geraten. Eine Dresdner Straße ist noch nach ihm benannt; ein Arbeitertheater, das seinen Namen trug, nennt sich heute etwas verschämt »H. O. Theater«. Die Leipziger Schauspielschule gab den Namen ohne Not auf, als sie mit der Musik hochschule fusionierte. Wohl wegen dieser anhaltenden Verdrängung entstand bei der Vorbereitung der Ausstellung beim Verein »Kleine Freiheit« auch die Idee, wieder einen Hans-Otto-Preis ins Leben zu rufen, wie er bekanntlich schon in der DDR über Jahrzehnte hinweg an Theater ensembles verliehen wurde - zuletzt auch an das Theater der Jungen Generation, dessen damalige Intendantin Gunild Lattmann-Kretschmer jetzt für die PDS im sächsischen Landtag sitzt.

Der Preis, der künftig alle zwei Jahre verliehen werden soll und für den sich am 20. Dezember ein Förderkomitee beim Verein »Kleine Freiheit« konstituiert, ist eine Auszeichnung wider den Zeitgeist, sagt Lattmann-Kretschmer. Er soll künstlerische Leistungen würdigen, die eine »gesellschaftliche Wirkungsabsicht er kennen« lassen. Immerhin sei Otto ein Künstler gewesen, der Kunst und politische Verantwortung nicht trennte - eine Haltung, die »gegenwärtig eher ungebräuchlich« ist, aber der Theaterkunst »gut zu Gesicht stünde«, meint die Kultur Politikerin. Beispiele immerhin gibt es: Der erste Preis ging an die 1971 geborene Dresdner Schauspielerin Katja Langnäse und den kubanischen Regisseur Eddy Socorro. Sie inszenierten ein im Dresdner Societaets-Theater mit großem Erfolg laufendes Ein-Personen-Stück über Havanna und die Veränderungen in Kuba. Dieses Land, meint Socorro, hat mit dem Schauspieler Hans Otto einiges gemein: Auch »mein Kuba verfügt über diese seltene Eigenschaft, nicht käuflich zu sein«.

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