Sauer-Orgelbau zieht alle Register
Traditionsfirma schreibt nach Insolvenz wieder schwarze Zahlen Von Jörg Schreiber
Vor wenigen Tagen kam Peter Fräßdorf aus Wroclaw zurück. Der Orgelbaumeister aus Müllrose war dabei, als die neueste Sauer-Orgel an die dortige Musikschule übergeben wurde. Es handelte sich um Nummer 2270 seit der Gründung des ur sprünglich in Frankfurt (Oder) beheimateten Traditionsbetriebs durch Wilhelm Sauer im Jahr 1857 Der Firmengründer, der bis 1910 dem kleinen Unternehmen vorstand und es im hohen Alter an seinen Mitarbeiter Paul Walcker verkaufte, wur de vor 170 Jahren geboren.
Dem in letzter Zeit stark gebeutelten Unternehmen geht es wieder deutlich besser. »Es läuft gut«, freut sich der kaufmännische Geschäftsführer Michael Schulz. Bis zum Sommer lägen genügend Aufträge - unter anderem aus Halle, Mannheim und dem französischen Lyon - vor. Die Firma sei in der Lage, Orgeln jeder Größe zu bauen und restauriere auch Instrumente fremder Fabrikate. Zudem liefert Sauer Pfeifen an andere Orgelbauer bis nach Frankreich. Und rund ein Zehntel des Jahresumsatzes, so hebt Schulz her vor, entfällt heute schon auf Stimmverträge. Hauptauftraggeber seien Kirchen und die öffentliche Hand.
Vor einem Jahr sah die Lage noch ganz anders aus: Die weit über die Grenzen von Deutschland hinaus bekannte Orgelbau- Firma hatte Ende 1999 Insolvenz-Antrag stellen müssen. Nicht wegen mangelnder Auftragszahlen, sondern weil die Mutter gesellschaft, die Walcker-Mayer GmbH im saarländischen Kleinbittersdorf, in Konkurs gegangen war und die Tochter mit in den Strudel gerissen hatte. Ausstehende Forderungen von Sauer an das Mutter unternehmen im Saarland waren plötzlich wertlos geworden. Die Erben des ehemaligen Besitzers hatten den 1972 verstaatlichten VEB Frankfurt Orgelbau nach der Wiedervereinigung übernommen.
Doch Sauer entkam dem Konkurs: Zum 1. April 2000 gründeten vier Mitarbeiter eine Auffanggesellschaft namens W. Sauer Orgelbau Frankfurt (Oder) GmbH. Sie kauften die Maschinen, übernahmen auch das alte Firmenarchiv und vor allem die Kundenkartei und pachteten das Firmengrundstück im Müllroser Gewerbepark, wohin die Firma 1994 umgesiedelt war. Allerdings konnten nur 14 der 24 Mitar heiter übernommen werden. Mittlerweile seien aber schon wieder zwei Lehrlinge eingestellt, sagt Schulz. Von April bis Dezember 2000 wurde ein respektabler Umsatz von einer Million Mark erwirtschaftet. Das Unternehmen schreibe schwarze Zahlen.
Ein Problem drückt die Firma allerdings weiterhin: Das Firmengrundstück gehört bis heute der Gläubigerversammlung im Saarland. Der gegenwärtige Pachtvertrag laufe bis Herbst nächsten Jahres, sagt der technische Geschäftsführer Fräßdorf. Über den Preis für einen möglichen Kauf werde noch verhandelt. In jedem Fall werde dies eine große finanzielle Belastung für die Firma sein. Fördermittel stehen dafür nicht mehr zur Verfügung, weil die Landes-Investitionsbank schon den später Konkurs gegangenen Vorgänger Betrieb unterstützt hatte und die Förderung »objektgebunden« ist - also nur einmal erfolgen kann. Wirtschaftsminister Wolfgang Fürniß sagte bei einem kürzlichen Besuch im, Werk Unterstützung bei der Suche nach einer Lösung zu. ddp
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