- Politik
- Zum 30. Todestag von Emil Fuchs
Nächstenliebe mit Marx
Er gehört zu den besonders eindrücklichen, eingeprägten Menschen meines Lebens, der kleine, grazile, agile Professor für Systematische Theologie und Religionssoziologie Emil Fuchs, einer der akademischen Lehrer meines theologischen Studiums an der Alma Mater Lipsiensis. Wie kein anderer polarisierte er die Fakultät, seit er 1949 im 76. Lebensjahr die Berufung nach Leipzig angenommen und aus Westdeutschland übergesiedelt war. Und er polarisiert sogar noch über seinen Tod hinaus. Die angestrebte Umbenennung einer nach ihm benannten Leipziger Straße kam erst einmal nicht zustande. Das lag daran, dass er Sozialismus als eine zwingende, logische Konsequenz des christlichen Glaubens, als die sozial-ökonomische Struktur der Nächstenliebe vertrat.
Emil Fuchs war ein später Vertreter des liberalen Kulturprotestantismus mit seinem Entwicklungsdenken und ein profunder Kenner der idealistischen deutschen Philosophie des 19 Jahrhunderts. In seiner Frömmigkeit entwickelte er sich immer stärker auf einen Spiritualismus zu, wurde Mitglied der Gemeinschaft der Quäker, die schon im 16. Jahrhundert den linken Flügel der Reformation bildete. Die konfessionelle Polemik nannte diese Kreise »Schwärmer«, ein Titel, der auch Fuchs nicht vorenthalten wurde. Hinzu kam, angeregt durch die unmittelbare Erfahrung der Sozialnot des Industrieproletariats als evangelischer Pfarrer in England und danach in Deutschland (Rüsselsheim/Opel, Eisenach), intensives Marxstudium. Fuchs würdigte den Philosophen aus Trier als eine Art »Fremdprophet« der Entlar vung und Aufdeckung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsstruktur.
Sein Berufsweg führte ihn zuerst ins evangelische Pfarramt. Nach dem Ersten Weltkrieg ist er bald einer der führenden Religiösen Sozialisten Deutschlands, eifriger Publizist und Mitglied der SPD Er engagiert sich in der Volkshochschulbewegung und Friedensarbeit. Der 1931 als Professor an die Pädagogische Hochschule Kiel Berufene wird 1933 amtsenthoben und verfolgt. Er ringt während der NS-Diktatur um das materielle Überleben.
Geradezu lawinenartig trifft ihn per sönliches Leid: Suizid seiner geliebten Frau, KZ-Haft des Schwiegersohnes, Selbsttötung der Tochter Elisabeth, politische Emigration und früher Tod des Sohnes Peter, Verurteilung und Towerhaft des Sohnes Klaus, der, Atomphysiker in England, als Überzeugungstäter den Sowjets geheime Forschungsunterlagen zuspielt.
Emil Fuchs ließ uns Studenten nahe an sich heran. Wir durften ihn nach seinen Entscheidungen und Positionen fragen und kritische Anfragen, auch zum DDR- Sozialismus, vorbringen. Es ist versuchlich, sich mit dem am 13. Februar vor 30 Jahren verstorbenen verehrten Lehrer ein Danach-Gespräch vorzustellen. Ich denke, dass er die Niederlage demütig angenommen hätte. Vielleicht würde er sagen: Wir waren nicht reif dafür. Und: Es ist mehr als eine Niederlage, ein Gericht. Nach der Niederlage kann man weiterma^ chen. Nach dem Gericht muss man sich wandeln. Das Ziel war es nicht.
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