Mit einem Blick fixiert
Tom Mustroph über tierische Begegnungen in Frankreich
Die Tour de France wurde in den Pyrenäen auch zur Begegnung mit der Tierwelt. Im Verpflegungszelt auf dem Plateau de Beille tauchten plötzlich zwei Pferde auf. »Ach, das sind die Tiere meiner Cousine. Sie kommt von der Farm nebenan«, erklärte eine Bäuerin den Durchmarsch der mit feinem Zaumzeug geschmückten Vierbeiner gelassen. Auf ihren Weidegründen war ein großer Parkplatz angelegt, und gewissermaßen als Entschädigung durfte sie im Zelt die Produkte aus eigener Wirtschaft feilbieten: Knackige Salami und feinste Patés mit Armagnac gehörten zum Angebot. Auf die Frage, ob auch die Pferde zu Salami verarbeitet werden und im nächsten Jahr angeboten werden, lachte sie nur: »Manche Tiere sind zum Arbeiten da und andere zum Gegessenwerden. Die Pferde gehörten zur ersten Kategorie.«
Mit den Tieren, die später in der Pfanne landen, machte dafür das Peloton Bekanntschaft. Auf der Abfahrt vom Col du Tourmalet kreuzte eine Rinderherde den Weg der Profis. Der Franzose Warren Barguil berichtete später: »Ich habe die Kuh angeguckt und gehofft, sie bewegt sich nicht. Sie hat sich dann auch nicht bewegt, und ich bin an ihr vorbeigekommen.« Der Mann kennt die Gegend gut. »Das ist meine Trainingsregion. Ich bin hier fast schon zu Hause.«
Jene Kenntnis war offenbar ein Vorteil. Während Barguils Blick die Kuh noch fixieren konnte, hatten die Kollegen hinter ihm weniger Glück. Unmittelbar nach Barguils Durchfahrt setzten sich die weißen Kolosse doch in Bewegung und zwangen die nachfolgen Fahrer zum Bremsen.
Bei der Auffahrt zum Plateau de Beille auf der 12. Etappe waren Transparente für sowie gegen die Ansiedlung von Bären zu sehen. In den 90ern wurde ein Dutzend Braunbären aus Slowenien ausgesetzt, die sich mittlerweile auf etwa 30 Tiere vermehrt haben sollen. Um Bauern vom Abschuss der Tiere abzuhalten, zahlt ihnen der Staat den Kaufpreis eines Rindes oder Schafs, an dem die Bären sich gütlich taten. Was die gefräßigen Tiere über den Menschenauflauf denken, der jedes Jahr im Juli ihre neuen Jagdgründe heimsucht, ist nicht bekannt. Gut möglich aber, dass es bei dem Populationswachstum bald auch mal zur Begegnung Bär mit Radprofi kommt.
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