Viele hungrige Mäuler und immer mehr Streuner

Krise in Griechenland setzt auch den Tieren zu

  • Lesedauer: 3 Min.

»Ich muss die Bank zurückrufen«, sagt Zoo-Gründer Jean-Jacques Lesueur, während eines Rundgangs. Was sonst eine simple Bestellung ist, wird durch die Kapitalverkehrskontrollen kompliziert: Seit 29. Juni muss jede Auslandsüberweisung von einer Regierungskommission abgesegnet werden. »Niemand kann mir sagen, ob das eine Woche braucht oder zwei«, seufzt der Mittsiebziger. Darüber hinaus verlangen Lieferanten inzwischen meist Vorkasse.

Der Zoo greift hauptsächlich auf Gemüse und Fleisch örtlicher Lieferanten zurück, doch muss er für 80.000 Euro zusätzlich Nahrung importieren. Ohne dieses Futter würde es für manche Arten zu »einer Frage von Leben und Tod«: Für die sechs Delfine des Athener Zoos etwa müssen mehrere Tonnen gefrorener Fisch importiert werden - sonst sind die Tiere in rund zehn Tagen auf Diät. Die Säuger brauchen bestimmten Fisch, den man vor der Küste Griechenlands nicht findet, die beiden riesigen Ameisenbären des Zoos Würmer und ein Pulver, das die Termiten ihres natürlichen Lebensraumes ersetzt.

Immer mehr Tiere ausgesetzt

Amüsiert schauen einige Kinder zu, wie sich die beiden Ameisenbären auf die wimmelnden Würmer stürzen. Im Sommer bietet der Zoo unter dem Slogan »Halten wir zusammen in diesen schwierigen Zeiten« Kindern freien Eintritt. Die Erwachsenen dagegen müssen seit Inkrafttreten der Mehrwertsteuererhöhung sogar tiefer in die Tasche greifen.

Cordelia Madden-Kanellopoulou kümmert sich um Tiere außerhalb des Zoos. Ihr Verein »Nine Lives« füttert etwa 450 Katzen in einem öffentlichen Park im Zentrum der Hauptstadt. »Dich kenne ich ja noch gar nicht«, ruft die Engländerin, als sich zu den ängstlichen Streunern eine neue, schwarze Katze gesellt. Auch Sterilisierungen unternehmen die Tierschützer, im vergangenen Jahr bei rund 1500 Tieren.

»Es werden immer mehr Rassekatzen ausgesetzt«, sagt die blonde Frau. »Vor einigen Jahren, als genug Geld da war, leisteten sich die Leute schöne Tiere, aber jetzt sind sie teuer - der Tierarzt, die Pflege. Und ein weißer Perser, der in einer Wohnung aufwuchs, überlebt angesichts der Autos und der streunenden Hunde keine zwei Tage.«

Lage auf den Inseln ist problematisch

Dass mitfühlende Bürger die Streuner aufnehmen, sei selten geworden: Angesichts der schweren Rezession mit einer Arbeitslosenrate von 25 Prozent »adoptieren die Leute nicht mehr«, sagt Madden-Kanellopoulou. Und in Griechenland lebende Ausländer, von denen viele den Verein unterstützt hatten, »gehen weg und kommen nicht wieder«.

Auch Evgenia Mataragka von der Tierschutzorganisation »Animal Action« spricht von einer »starken Zunahme ausgesetzter Tiere« in den vergangenen sechs Monaten. »In den großen Städten verhungern die Tiere nicht, aber auf den Inseln ist die Lage problematisch«, so Mataragka. »Weibliche Katzen haben einen Wurf nach dem anderen, es gibt durch Inzucht bedingte Krankheiten. Die Tiere verhungern oder werden vergiftet«.

Angesichts der tierischen Not suchen die Organisationen Geld und Adoptivfamilien im Ausland: »In Griechenland haben alle Probleme«, sagt sie. »Hier kann niemand wirklich helfen.« Deshalb schickte »Nine Lives« sein Maskottchen Dora auf seine alten Tage auch nach Deutschland. AFP/nd

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