Argentinien: Kopf-an-Kopf-Rennen um Präsidentenamt
Von linksgerichteter Staatschefin favorisierter Kandidat Scioli verfehlt nötige Mehrheit / Stichwahl am 22. November
Buenos Aires. In Argentinien wird erstmals in einer Stichwahl über den neuen Präsidenten entschieden. Im ersten Wahlgang am Sonntag verfehlte der von der linksgerichteten scheidenden Staatschefin Cristina Kirchner unterstützte Kandidat Daniel Scioli überraschend den notwendigen Vorsprung von zehn Prozentpunkten. Nach Auszählung von knapp 90 Prozent der Stimmen lagen Scioli und der konservative Gegenkandidat Mauricio Macri Kopf an Kopf bei rund 35 Prozent.
Der Ausgang des Duells am 22. November gilt damit als offen. Das Ende der zwölfjährigen Ära, in der Kirchner und ihr vor fünf Jahren gestorbener Mann Nestor Kirchner mit einer sozial und protektionistisch ausgerichteten Politik die Geschicke des Landes prägten, rückt näher. Der drittplatzierte Sergio Massa, ein früherer Verbündeter Kirchners, kam am Sonntag auf rund 21 Prozent der Stimmen und ist damit aus dem Rennen.
Der selbsternannte Zentrist Scioli will zwar den »Kirchnerismus« fortführen, zugleich aber auch Investoren anlocken und die Produktivität erhöhen. Er war in den vergangenen acht Jahren Gouverneur der Provinz Buenos Aires.
Sein Widersacher Macri gab sich siegesgewiss: »Was heute passiert ist, hat die Politik des Landes verändert«, rief der 56-jährige Bürgermeister der Hauptstadt Buenos Aires vor seinen Anhängern. Der Konservative will dem kriselnden Land eine wirtschaftsfreundlichere Politik verordnen.
Der Wahlsieger tritt ein schwieriges Erbe an. Die drittwichtigste Volkswirtschaft Lateinamerikas leidet unter einer hohen Inflationsrate, die 2014 bei fast 24 Prozent lag. Nach einer langen Wachstumsphase von jährlich acht Prozent ging es 2014 um 0,5 Prozent bergab, für das kommende Jahr erwartet der Internationale Währungsfonds ein Minus von 0,7 Prozent.
Unter Cristina Kirchner führte Argentinien einen erbitterten Schuldenstreit mit US-Hedgefonds, die nach der Staatspleite 2001 billig argentinische Schuldscheine aufkauften und nun durch alle Instanzen gehen, um diese zu versilbern. Den Streit muss ihr Nachfolger weiter austragen. AFP/nd
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